Kanonen, Karronaden, Chaos - die Seeschlacht von Camperdown 1797
Am 11. Oktober 1797 trafen vor der
niederländischen Küste bei Kamperduin bzw. Camperdown die
Nordseeflotte Englands und eine Flotte der Batavischen Republik
aufeinander. Die Engländer unter Admiral Duncan
schlugen die Niederländer vernichtend. Sie ließen die
Schlacht als glänzenden Sieg und Abwehr einer drohenden Invasion
feiern. Dieser Aufsatz zeigt jedoch, das zum Zeitpunkt der Schlacht
keine von den Niederländern ausgehende Invasion mehr drohte. Er
zeigt auch, wie chaotisch und desorganisiert der englische Angriff
ablief und das der Sieg vorwiegend mit roher Feuerüberlegenheit
erzwungen wurde. Obwohl der Angriff des alten englischen Admirals
später zu Recht als strategische Overtüre für das Trafalgar-Manöver
Nelsons betrachtet wurde, war die taktische Verteilung der englischen
Schiffe vor Camperdown ein schlichter Zufall.
Zur Vorgeschichte
Am
6. November 1792 schlug die französische Revolutionsarmee bei
Jemappes die Österreicher, marschierten in die
österreichischen Niederlande ein und annektierten danach
kurzerhand das Territorium des heutigen Belgien. Mit Beginn des
Krieges gegen England am 1. Februar 1793 erklärte das
revolutionäre Frankreich auch der holländischen Republik den
Krieg, erklärtermassen wegen der Verbindungen Willems des
Fünften zu Preußen und England, tatsächlich aber als
schlichter Eroberungsfeldzug nach dem Motto: Keine unabhängigen
Nachbarn, keine Feinde ! Nach anfänglichen Misserfolgen
überrannte im Dezember 1794 eine französische
Revolutionsarmee unter General Pichegru, unterstützt von der
sogenannten Batavischen Legion unter General Daendels, die
niederländische Republik unter ihrem StathouderWillem V. Am
18. Januar 1795 flüchtete Willem nach England und am 19. Januar
1795 marschierte Daendels in Amsterdam ein. Dort und in anderen
niederländischen Städten bildeten sich Revolutionskomitees
und trafen sich am 26. Januar in Den Haag. Unter ihrem
gewählten Präsident Pieter Paulus dekretierte die Versammlung
die ehemalige Oranje-Republik zu einer neuen Republik, indem sie zwar
die meisten alten Strukturen beibehielt, die Institutionen aber einfach
umbenannten. Tatsächlich war nämlich nur eine geringe Anzahl
Niederländer revolutionär gesinnt, so das viele
Niederländer hofften, ohne große Veränderungen neben
dem militärisch siegreichen Frankreich existieren zu können. Allzu
große Unabhängigkeitstendenzen der neuen Republik mit Namen
Bataafse Republiek wurden jedoch von der Siegermacht Frankreich schnell
relativiert. Die eigentliche Existenzberechtigung des neuen Staates
fußte schließlich auf dem erzwungenen Bündnis mit dem
revolutionären Frankreich vom 16. Mai 1795, das die Batavische
Republik zu einem Marionettenstaat Frankreichs machte. Praktisch
mit dem Tag der Vertragsabschlusses begann die Blockade der
holländischen Küste durch die englische Nordseeflotte unter
dem Kommando von Admiral Adam Duncan.
Duncan verfügte jedoch
von Beginn an lediglich über Schiffe zweiter oder eher dritter
Garnitur, denn die niederländische Flotte galt seit dem
amerikanischen Unabhängigkeitskrieg als veraltet. Außerdem
hatte man in der Marine der Batavischen Republik die allzu
oranjefreundlichen Seeoffiziere ausgetauscht und damit der
militärischen Qualität der Flotte weiteren Schaden
zugefügt. Trotzdem begann die englische Blockade im
Frühjahr 1795 lediglich mit 4 englischen Linienschiffen
gegenüber immerhin 16 Schlachtschiffen auf Seiten der Batavischen
Republik. Deren See- und Einsatztauglichkeit blieb aber infolge des
Mißtrauens der französischen Sieger begrenzt.
Zwischenzeitlich wurden einige holländische Kriegsschiffe wie z.B.
die DELFT sogar ganz entwaffnet. Wenn man aber bedenkt, das die
englische Nordseeflotte ein Seegebiet zu bewachen hatte, das von Selsey
Bill (Sussex) im Süden bis Kap Wrath (Schottland) im Norden
reichte, hört sich die Blockade durch Duncans Quartett dennoch
nach verlorenem Posten an. Im Sommer 1795 wurde der Chef der
Nordseeflotte aber immerhin von einem großen russischen
Geschwader aus 12 Linienschiffen und 6 Fregatten unterstützt, das
nur in den Wintermonaten in die Häfen zurückkehrte. Auch in
den Jahren 1796 und 1797 waren die Russen als Verbündete vor Ort,
freilich mit zunehmend weniger Schiffen. Dafür
vergrößerte sich die Zahl englischer Schiffe bis auf
zwischenzeitlich 17 Linienschiffe, ihre Qualität nahm freilich
nicht signifikant zu. Unbestritten bekamen also Duncan und seine
Flotte, verglichen mit der Kanalflotte vor Brest oder der
Mittelmeerflotte von Jervis, das schlechtere Material. Wenn man der
katastrophalen Versorgungssituation, die 1796 / 1797 zum Rückzug
von Admiral Jervis aus dem Mittelmeer führte, gedenkt, kann man
sich vorstellen, unter welchen Bedingungen Duncan und seine Crews die
Stellung halten mußten. Den Holländern erging es im
Texel zunächst nicht besser (s.o.), doch die Situation
änderte sich abrupt mit den Planungen der Franzosen, den Aufstand
der Iren gegen England zu unterstützen und eine Invasion Irlands
anzustreben. Die Invasionspläne des General Hoche
führten zu einer Wiederbewaffnung und Aufrüstung der
holländische Schiffe, der Oberkommandierende der Flotte,
Vizeadmiral De Winter, begann eine intensive Ausbildung seiner
Geschützbesatzungen und die Schiffe der Texel-Flotte wurden an einem Ort
konzentriert. Im Oktober 1796 kam es dann zum Vertrag von
Ildefonso zwischen Frankreich und Spanien und zur Kriegserklärung
des katholischen Königreichs an die Briten. Plötzlich hatte
das französische Direktorium gleich mehrere strategische Optionen
wie z.B. die Fusion mit der spanischen und / oder batavischen Flotte,
einhergehend mit der Perspektive, sogar in England einzufallen.
Offensichtlich
aber erwies sich gerade die Vielzahl an Möglichkeiten als Gift
für die Pläne Hoches, denn Rivalitäten in Armee und
Regierung sorgten statt für eine Bündelung der Kräfte
für einen fatalen Fehlschlag: Im Dezember 1796 versuchte
überhastet eine französische Flotte aus Brest, eine
Invasionsarmee unter Hoche, begleitet von dem irischen
Rebellenführer Wolf Tone, in der Bantry Bay zu landen. Sie
hätten sich keinen schlechteren Zeitpunkt aussuchen können.
Zwar konnte die englische Royal Navy die Franzosen nicht aufhalten,
aber das schlechte Wetter, das die englischen Schiffe in die Häfen
trieb, hinderte auch die Franzosen daran, ihre Armee auf der irischen
Insel zu landen. Unter erheblichen Verlusten an Männern und
Schiffen kehrte die Flotte schließlich wieder nach Frankreich
zurück. Das Desaster in der Bantry Bay war ein schwerer
Rückschlag für Hoches Plan, aber auch ein traumatische
Erfahrung für die Engländer. Lediglich das Wetter hatte die
strategische Katastrophe einer feindlichen Landung im Hinterhof
Britannias verhindert. Von nun an sah man auf der englischen Insel in
jeder Schiffsbewegung des Feindes eine Vorbereitung zur Invasion. Admiral
John Jervis attackierte am 11. Februar 1797 die zahlenmäßig
überlegene spanische Flotte vor Kap St. Vincent, weil er -
unbegründet - eine Fusion mit den Franzosen und eine
anschließende Invasion befürchtete. Die holländische
Flotte im Texel bekam nun die besondere Aufmerksamkeit der
Engländer, nicht zuletzt deswegen, weil General Hoche hier
für einige Wochen geweilt hatte. Und der zunächst scheinbar
entlastende Sieg vor Kap St. Vincent entpuppte sich plötzlich als
nur vorübergehende Erleichterung, denn die Blockade der
Holländer wurde im April 1797 fraglich:
In der englischen
Flotte hatten Seeleute gegen ihre unmenschliche Behandlung und
Unterbringung, gegen die mangelhafte Versorgung und nicht zuletzt den geringen Sold gemeutert.
Obwohl zumindest die Erhöhung des Solds schnell bewilligt wurde,
kam die Situation auch nach den ersten Reformen durch die
Admiralität nicht zur Ruhe. In der unterversorgten
Nordseeflotte hatten die Crews sogar noch mehr Grund zur Beschwerde und
anlässlich der zweiten und diesmal wesentlich bedrohlicheren Welle
der Meuterei im Mai und Juni 1797 waren auch Duncans Schiffe betroffen.
Nie war England verwundbarer als in diesen Wochen, in denen die
Besatzungen die eigenen Linienschiffe in den Häfen blockierten.
Duncan half sich mit einem alten Trick, den man schon in der
Blockadezeit zuvor probat angewendet hatte: Weil er nur zwei
Linienschiffe vor die Insel Texel beordern konnte, erteilte er diesen
den Auftrag, Signale an eine imaginäre englische Flotte zu
flaggen, um den Niederländern die Illusion zu vermitteln, die
Nordseeflotte sei noch vor Ort. Ob dies bei einem Ausbruchsplan De
Winters wirklich gefruchtet hätte, darf man angesichts der
späteren Ereignisse zwar bezweifeln, wenigstens aber provozierte
nicht eine gähnende Leere vor den holländischen
Ankerplätzen die Reiselust des batavischen Oberkommandierenden. Im
Juli war die Krise bei den Engländern soweit überstanden,
doch plante man im Texel wirklich die Invasion ? Wolf Tone, der irische
Rebellenführer, war im Sommer dieses Jahres tatsächlich im
Stab von General Daendels. Und im Juni 1797 findet man einen Brief des
französischen Marineministers an Hoche, der die holländische
Flotte und eine Armee unter Daendels als Invasionsarmada vorschlug. Von
16000 Holländern und 6000 Franzosen war da die Rede, doch nur ein
Bruchteil dieser Truppen fand jemals in den Texel. Wie so viele
andere Vorhaben des Direktoriums versickerten die Pläne wie Wasser
in der Erde, De Winter und Tone warteten im Texel vergeblich. Schon
bevor im September 1797 der Vater der Invasions-Idee, General Hoche,
starb, wurden die rund 3000 Soldaten, die man eingeschifft hatte,
wieder ausgebootet. Wolf Tone war zutiefst enttäuscht, De Winter
desillusioniert, Duncan aber ahnungslos. Die Engländer waren
nach wie vor in höchster Alarmstimmung, ganz besonders, weil sie
von der Truppeneinschiffung erfahren hatten. Duncan erreichten jedoch
die alarmierenden Zahlen, die der französische Marineminister in
seinem Brief genannt hatte. Bis Anfang Oktober 1797 patrouillierte der
englische Admiral mit seiner Flotte vor der Küste und ging bis an
die Reserven seiner Vorräte. Doch die Flotte der Batavischen
Republik blieb an ihren Ankerplätzen und die Invasion noch im Jahr
1797 wurde für den englischen Admiral immer unwahrscheinlicher.
Pläne, Pannen, Patrouillie
Nach 19 Wochen Blockade mußte Duncan mit seiner Flotte Anfang Oktober nach Yarmouth zurückkehren. Er
ließ die Linienschiffe RUSSELL (74 - Trollope) und ADAMANT (50 - Hotham) sowie die
Fregatten BEAULIEU (40 - Fayerman) und CIRCE (28 - Halkett) nebst einigen Kuttern unter dem Kommando von Kommodore
Trollope zurück, um die Holländer nicht ganz aus den Augen zu
lassen. Wie der Zufall es so wollte, waren ausgerechnet zu diesem
Zeitpunkt keine russischen Kriegsschiffe vor Ort, so das Trollope ganz
auf sich selbst gestellt war. Nachdem der englische Flottenchef am
3. Oktober 1797 in Yarmouth angekommen war, nützte Duncan den
Zwangsaufenthalt im Hafen zu einer Zusammenkunft mit seinen
Kapitänen, um zum wiederholten Male eine neue Schlachtordnung zu
entwerfen für den Fall, das man auf die Flotte De Winters
stoßen sollte. Kurios: Die Engländer wussten recht
genau, welche batavischen Schiffe ihnen gegenüberstehen
würden, aber nicht, welche Schiffe ihnen selbst im nächsten
Monat zur Verfügung stehen würden. Die alte Schlachtordnung
und die dazu entworfenen Flaggensignale berücksichtigten z.B. noch
die Linienschiffe FORMIDABLE (74) und BRAKEL (54), die aber nicht
(mehr) zur Verfügung standen. Zwei Umstände sollten in diesen Tagen in Yarmouth den Verlauf der späteren Schlacht entscheidend beeinflussen: Die
Umstellung der Signale und die Umschriften des Signalbuches gingen am
zweiten Leutnant der VENERABLE (74 - Fairfex), William Renton, vorbei. Der später
während der Schlacht für den Signaldienst des Flaggschiffes
zuständige, aber in Yarmouth wegen eines Skorbut-Anfalls
beurlaubte Offizier hatte sich zur Erholung an Land begeben. Als er am
9. Oktober 1797 an Bord zurückkehrte, kam gerade die Nachricht von
De Winters Ausbruch und so blieb Renton in Unkenntnis der vorgenommenen
Änderungen. Dies war ein Teil der Kette von Pannen, die
sowohl aus der Schiffs-Fluktuation der Nordsee-Flotte als auch aus der
Desorganisation innerhalb der Flotte resultierten. Ein zweiter Umstand
zeigt, wie sehr die Engländer zu diesem Zeitpunkt vom Auslaufen
der batavischen Flotte überrascht wurden: Niemand dachte bis
zum Treffen mit den Holländern daran, dass ja auch RUSSELL (74 - Trollope), die ADAMANT (50 - Hotham) und die
Signalfregatte CIRCE (28 - Halkett) ohne Kenntnis
von den Veränderungen geblieben waren. Weder Duncan noch
seine Offiziere hatten sich nach dem Desaster in der Bantry Bay
vorstellen können, das die Franzosen bzw. Holländer zu diesem
späten Zeitpunkt noch die Invasion wagen würden und sie lagen
diesbezüglich ja auch richtig. Denn ebenso wenig erwarteten sie,
das die militärisch unterlegene batavische Flotte die Schlacht
suchen könnte. Da war die Invasion Irlands oder sogar Englands
schon wahrscheinlicher ! Und so kam es, das die ausgelaugte
Nordseeflotte, kaum das sie eine Woche in Yarmouth gelegen hatte, am 9.
Oktober 1797 von der Nachricht, das die Holländer ausgelaufen
waren, kalt erwischt wurde. In großer Eile wurden die
Schiffe seeklar gemacht, Anker gelichtet und Segel gesetzt. Duncan
konnte nicht ahnen, das sein Gegenspieler auf niederländischer
Seite über diese Eile gelächelt hätte.
De Winter
hatte gar nicht die Absicht, davonzusegeln ! Schon am 7. Oktober 1797
hatte die batavische Flotte im Texel die Anker gelichtet und sie
sollte sich bis zum Tag der Schlacht nie weiter als 40 Meilen von
diesem Ausgangspunkt entfernen. Als Grund für De Winters
Auslaufen wird auch heute noch in vielen Publikationen schlicht die
Vorbereitung der Invasion Irlands genannt, obwohl die
einschlägigen Quellen zeigen, das dieser Plan gerade zu diesem
Zeitpunkt vorerst ad acta gelegt worden war. Der Ex-General und
Oberkommandierende der batavischen Flotte hatte vom Marinekomitee
seiner eigenen Regierung den Befehl bekommen, auszulaufen. Seine Order
war, die Schlacht mit der englischen Nordseeflotte zu suchen. Der Grund
für diesen Befehl ist so einfach wie im Rückblick
niederschmetternd : Die Seeschlacht mit den Briten sollte
politischen Druck von der Batavischen Republik nehmen und ihre
Autonomität gegenüber den De-facto-Machthabern in Paris
fördern. Dahinter stand natürlich auch die krasse
militärische Fehleinschätzung der batavischen Politiker, die,
beeinflusst durch die Meutereien in englischen Häfen und der
großen niederländischen Marinetradition, in der Seeschlacht
zumindest ein Unentschieden wie 1781 auf der Doggerbank erwarteten. De
Winter teilte diese Einschätzung ganz und gar nicht, doch als
Soldat mußte er den Befehl ausführen. Und völlig ohne
Chancen sah sich der Vizeadmiral nicht. Als De Winter am 8. Oktober
1797 den Texel verließ, machte er sich sofort an die Verfolgung
von Trollopes Geschwader, eine Maßnahme, die unverdächtig
sicher stellte, das seine Flotte von den Briten gesehen wurde. Es
wäre schließlich unsinnig gewesen, den Texel unbemerkt zu
verlassen, wenn man die Schlacht suchte. In den folgenden Stunden
blieb De Winter mit seiner Flotte immer in Reichweite der
holländischen Küste und machte keine Versuche mehr, Trollope
davon zu jagen. Es kann kein Zweifel bestehen, er wartete auf die
englische Nordseeflotte. Nicht, das der niederländische
Admiral nicht um die militärische Unterlegenheit seiner Flotte
gewußt hätte (Vgl. unten). Er mußte jedoch aus
politischen Gründen kämpfen und versuchte nun, aus diesem
Übel das Beste zu machen. Der Armeegeneral, der nie selbst
ein Schiff kommandiert hatte, hatte - wahrscheinlich mit
Unterstützung seiner Kommandanten - eine gefährliche Falle
für die Engländer ersonnen. Es war die erklärte Absicht
des batavischen Admirals, die englische Flotte in seichtere
Gewässer zu locken, möglichst mit der Küste in Lee. Die
meisten holländischen Schiffe waren mit Rücksicht auf ihre
Heimatküste mit möglichst geringem Tiefgang konstruiert
worden und diesbezüglich den englischen Schiffen überlegen.
Wie De Winter später Duncan erklärte
1 , hätte der
batavische Admiral dann während der geplanten Schlacht ganz
bewusst die Strandung seiner Schiffe in Kauf genommen, um die
Engländer ebenfalls auflaufen zu lassen. Die gestrandeten
englischen Schiffe vor der niederländischen Küste wären
dann holländischen Kanonenbooten in die Hände gefallen.
Camperdown
Trollope,
dessen Beobachtungsgeschwader kaum Probleme hatte, die Fühlung zu
halten, schickte natürlich sofort seine Kutter nach Yarmouth, um
Duncan zu benachrichtigen. Und die Engländer hatten den Wind auf
ihrer Seite. Er trieb die Flotte schnell hinüber vor die
holländische Küste und vor die Insel Texel. Geleitet von
den Kuttern Trollopes fand Duncan am späten Abend des 10. Oktober
1797 zunächst das kleine englische Beobachtungsgeschwader und
schließlich am frühen Morgen des 11. Oktober 1797 auch de Winter, der zwischen Egmont und Kamperduin stand, noch keine 15 Meilen
von der Insel Texel entfernt.
Selbst ohne die Führung der
englischen Kundschafter hätten die Engländer die
Holländer wohl kaum verfehlen können. Die Fregatte CIRCE (28 - Halkett), die
relativ nahe am Feind geblieben war, sichtete im Morgengrauen des 11.
Oktober die feindliche Flotte zuerst, rund 9 Meilen
südöstlich von Duncan und rund 5 Meilen vom Ufer entfernt.
Das Wasser dort war mit 9 Faden bereits alarmierend flach, das Wetter
war böig und regnerisch, die Sichtverhältnisse unstet. Bei
der Annäherung an den Gegner wurde Duncan von der Legende ein Wortspiel mit dem
Namen seines Gegners in den Mund gelegt: Als die Kapitäne seiner
Flotte zum Befehlsempfang an Bord der VENERABLE (74 - Admiral Duncan) gekommen seien, habe Duncan auf
die feindliche Flotte gedeutet und gesagt: "Dort, meine Herren, kommt
ein sehr strenger Winter. Ich hoffe, Sie werden ein gutes Feuer
aufrechterhalten !" Doch wenn Duncan diesen bereits abgedroschenen
Spruch, der schon während der Blockade in der Flotte gehört
werden konnte, wirklich gesagt haben sollte, dann bestand sein Publikum
lediglich aus den Offizieren der VENERABLE (74). Das schlechte Wetter und
die Jagd auf die batavische Flotte hielt die Kommandanten an Bord ihrer
Schiffe fest. Die Konsequenz daraus war, das die erwähnten
Informationsdefizite über die Schlachtordnung und die Umstellung
des Signalsystems nicht zur Sprache kamen. Es ist ebenfalls eine
Legende, das Duncan auf die Frage nach der Zahl der feindlichen Schiffe
geantwortet haben soll: "Wenn wir sie geschlagen haben, werden wir sie
zählen". Der englische Admiral wusste ziemlich genau, wieviele
Schiffe seinem Gegner De Winter zur Verfügung standen. Richtig
aber ist, das er erst Tage nach der Schlacht, in Yarmouth angekommen,
erfuhr, wieviele Schiffe seine Flotte erobert hatte
Exkurs: Kräftevergleich
Wie bereits erwähnt, waren die Engländer recht gut
darüber orientiert, aus welchen Schiffen die batavische Flotte
bestand. Auch De Winter wusste, das die blockierenden Engländer
über mehr 74-Kanonen-Schiffe verfügten als seine
Flotte. Dieser Schiffstyp stellte 1797 den
Standard in modernen Flotten dar, weswegen die Texel-Flotte als weniger
kampfkräftig eingeschätzt wurde. Ein Vergleich beider
Flotten zeigt auch, das die Briten an nomineller Kampfkraft deutlich
überlegen waren. Dazu muss man aber zunächst etwas ausholen: Die
Zahlen hinter den Namen der LINIENSCHIFFE (74) oder auch FREGATTEN
(32) beziehen sich zwar auf Kanonen, bedeuten aber eigentlich
eher eine Klassifizierung der Schiffstypen. Ein LINIENSCHIFF (74) war
zunächst lediglich vom Typ her ein 74-Kanonen-Schiff, soll
heißen, beim Bau war man von einer Armierung von 74 Kanonen
ausgegangen. Die (74) bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass das
Schiff als Bewaffnung über genau 74 Kanonen verfügte. Dies war
schon zu Beginn des Krieges 1793 eher selten. Ein Beispiel: Der
kleine 2 74-Kanonen-Zweidecker, zur Zeit Camperdowns die
zahlenmäßig stärkste Klasse der 74er, trug (1793) auf
dem unteren Artilleriedeck standardmäßig 28
Zweiunddreissigpfünder-Kanonen, auf dem oberen Artilleriedeck 28
Achtzehnpfünder, auf dem Achterdeck 14 Neunpfünder-Kanonen
und auf dem Vorschiff 4 weitere Neunpfünder. Doch schon 1793
sorgten die englischen Schiffskommandanten dafür, das auch auf der
Poop Kanonen platziert wurden. Außerdem quetschten sie meistens
auch noch auf das Achterdeck Zusatzgeschütze oder rüsteten
schon vor dem u.g. Admiralitätsbefehl ihre Schiffe mit Karronaden,
kurzläufigen und großkalibrige Nahkampfkanonen aus Eisen,
aus.
Die Überlegenheit der Royal Navy basierte auf vielen Faktoren. Eine Basis für den Erfolg der Briten bestand zweifellos in ihrer überlegenen Artillerie. Dieses Buch vergleicht die englische Bewaffung mit der Ausstattung ihrer französischen, spanischen, dänischen, russischen und holländischen Opponenten.
Mit dem Admiralitätsbefehl vom 19. November 1794 wurden
englische Linienschiffe und Fregatten dann auf Deck
standardmäßig mit diesen leichteren und auf kürzere
Distanz enorm durchschlagskräftigen Waffen ausgerüstet. Die
englische Admiralität hatte schneller als Niederländer oder
Spanier erkannt, das der einzige Nachteil dieser wesentlich schneller
zu ladenden Nahkampfkanonen in ihrer kürzeren Reichweite lag.
Dafür hatten die Karronaden ein wesentlich geringeres Gewicht als
die herkömmlichen Kanonen und verschossen doch schwerere Ladungen.
Der Befehl der Admiralität hatte beim "kleinen" 74er folgende Auswirkungen: Die
4 Neunpfünder auf dem Vorschiff wurden durch 2
Zweiunddreissigpfünder- Karronaden ergänzt und auf der Poop wurden 6
Achtzehnpfünder-Karronaden aufgestellt. Damit war der 74er bereits
standardmäßig ein Schiff mit 82 Geschützen, wobei das
Breitseitengewicht sogar noch deutlicher erhöht wurde. Doch
gab es kaum einen englischen Kommandant, der es bei dieser Bewaffnung
beließ. Die meisten waren echte Artillerie-Fanatiker, die auf der
Poop schwerere Kaliber aufstellten und auch einige der
Neunpfünder auf dem Achterdeck mit Karronaden bis hin zu
32-Pfündern ersetzten. Auf der Poop der
VENERABLE (74 - Admiral Duncan) standen z.B. seit Juni 1794 zwei 68-Pfünder-Karronaden
und zwei der Neunpfünder auf dem Achterdeck waren
durch 32-Pfünder-Karronaden ersetzt worden. Bei
Camperdown
dürfte m. E. kaum ein englisches 74-Kanonen-Schiff
zum Einsatz gekommen
sein, das nicht mehr als 82 Geschütze an Bord hatte. Auch die
englischen 64-Kanonen-Schiffe und die 50-Kanonen-Schiffe wurden laut
Admiralitätsbefehl durch insgesamt 8 Karronaden auf Back und Poop
ergänzt, womit die Ersteren mindestens 72, meistens aber wesentlich mehr
Geschütze trugen. Bei den 50-Kanonen-Schiffen muß man
immerhin davon ausgehen, das deren Poop-Karronaden erst 1798
nachgerüstet wurden. Weil
die Anzahl der Geschütze zwischen
den einzelnen Schiffen nach oben hin stark variierte, kann man heute
nicht mehr genau angeben, wieviele Karronaden bzw. Geschütze die
englische Flotte der batavischen Flotte tatsächlich voraus hatte.
Die unten in der Tabelle als einschlägig gekennzeichnete
Zahlen sind wohl auch eher Mindestwerte. In
der Literatur schwirrt eine Gesamtzahl von 86 Karronaden an Bord
der englischen Schiffe herum, die deutlich bei William James entlehnt
ist. Dies ist offensichtlich eine Fehladdition. Wie diese Zahl
bei dem ansonsten recht präzisen Historiker zustandekam, kann
ich nicht nachvollziehen. Nach der
erwähnten Admiralitätsorder hätten es inklusive
der Ausnahmen bei den 50ern mindestens
116 Karronaden sein müssen, tatsächlich sind es , wie schon erwähnt, sogar noch mehr gewesen. Der eigentliche Punkt aber
ist, das die Niederländer keine Karronaden hatten. Wohl war ein
holländischer 74er oder 64er ebenfalls oft mit zwei bis vier
Zusatzkanonen ausgerüstet, doch waren die Kommandanten der
batavischen Flotte, schon aufgrund französischer
Befürchtungen, die Geschütze könnten sich einmal auf die
Trikolore richten, nicht derartig mit Geschützen gespickt wie die
englischen Schiffe. Das 54-Kanonen-Schiff DELFT stellte in seiner
Flotte in dieser Hinsicht eher eine Ausnahme dar, wenn es - frisch
aufgerüstet - die stolze Zahl von 60 Kanonen über die See
trug. Doch selbst diese Zusatzkanonen, allesamt Neunpfünder, waren
lange nicht so effektvoll wie die jeweils zwei 24-Pfünder-Karronaden, die z.B. die englischen
ISIS (50 - Mitchell) oder ADAMANT (50 - Hotham) auf ihrem Vorschiff trugen. Auch
abgesehen von den Geschützvergleichen kann man bereits anhand der
schlichten Gegenüberstellung von Schiffstypen eine
Überlegenheit der Engländer erkennen, die sieben
74-Kanonen-Schiffe gegenüber vier batavischen Schiffen dieses Typs
aufbieten konnten. Beide Seiten verfügten mit jeweils sieben
64-Kanonen-Schiffen über einen Gleichstand bei diesem Schiffstyp.
Und so sehen die Kräfteverhältnisse bei einer einfachen
Gegenüberstellung aus:
Man muß faiererweise noch
erwähnen, das einige der batavischen 64er - es sind die mit der
blauen 66 - auf ihrem unteren Artilleriedeck über
32-Pfünder-Kanonen im Gegensatz zu den 24-Pfündern der
englischen 64ern verfügten. Auch die MARS (44 - Kolff) - ein um ein Deck rasiertes ehemaliges 60-Kanonen-Schiff 10 - führte im unteren Deck dieses schwere Kaliber
und war wohl diesbezüglich einem englischen 50er ebenbürtiger
als auf den ersten Abschein sichtbar. Trotzdem kommt
man so oder so nicht daran vorbei :
Schon eine einfache Inspektion zeigt die deutliche artilleristische
Überlegenheit der
Engländer. Dies war auf beiden Seiten bekannt, die praktische
Wirkung von Karronaden in größeren Seeschlachten war aber
bisher wenig erprobt, lediglich die Engländer verfügten
bereits über diesbezügliche Erfahrung.
Duncan hatte angesichts dieser Vorteile gar
keinen Grund für besondere Flottenmanöver oder ultramoderne Angriffspläne, die konservative
Strategie "Schlachtlinie gegen Schlachtlinie" hätte ihm die meisten
Vorteile gebracht. Duncans
ursprünglicher Plan mit der neuen Schlachtordnung sah auch vor,
sich in einer Schlachtlinie neben die Holländer zu setzen und dann
wie Lord Howe am Glorious First June die Linie des Gegners zu
durchbrechen. De Winter setzte bekanntlich auf seinen Plan, aber
auch auf seine zweite Reihe. Der französische General
niederländischer Provenienz hatte die Schlacht des Glorious First June studiert und ahnte, das die Engländer versuchen würden,
nach den Motiven Howes seine Formation zu perforieren. Der
Niederländer plante deswegen, seine Fregatten und
Kanonen-Korvetten in einer zweiten Schlachtlinie parallel zur
Hauptlinie zu platzieren und zwar so, das sie besonders die Lücken
hinter und vor den Flaggschiffen der Admirale mit ihren Kanonen
bestreichen konnten. Diese Breschen vor und hinter den mit
Admiralsflaggen segelnden Schiffe wurden auf diese Weise sozusagen
zu Solldurchbruchsstellen. Die Fregatte MONNIKENDAM (40 - Lancaster) und einige
Korvetten - ungewöhnlich für diese Schiffsklasse - trugen
immerhin 18-Pfünder-Kanonen als schwerstes Kaliber und
würden, so hoffte De Winter, durch Längsbeschuss die
"Einbrecher" zurückweisen oder ihnen zumindest das Leben schwer
machen.
Kurz vor der Schlacht
Die
Niederländer sichteten die englischen Flotte am frühen Morgen
in Nord / Nordwest. De Winter nahm sofort Kurs auf Texel, das in Nord /
Nordost seiner Flotte lag. Am Wind segelnd und auf dem Steuerbordbug
drifteten seine Schiffe zunehmend unter Land. Die englische Flotte behauptete am Wind und auf dem Backbordbug zunächst ihren südlichen Kurs, um optimale Geschwindigkeit zu erzielen und die Annäherung an den Feind zu beschleunigen. Die Batavier hatten
zunächst in drei Divisionen gesegelt und begannen nun im
Angesicht des nahenden Feindes ihre Schlachtlinie zu formen. Dabei lief freilich nicht alles nach Plan: Die
DELFT (54 - Verdooren) und die ALKMAAR (54 - Krafft), die Duncans heranrückenden Schiffen am
nächsten gestanden hatten, zeigten große Mühe,
Anschluss an ihre Flotte zu finden. Ursprünglich war die
Position der DELFT (54 - Verdooren) die Nummer 4 hinter der HERCULES (64 - van Rijsoort) und die ALKMAAR (54 - Krafft)
gehörte eigentlich zwischen das Flaggschiff De Winters und die
STATEN GENERAAL (74 - Konteradmiral Storij). Beide 54-Kanonen-Schiffe erreichten aber wegen der
wechselhaften Sichtverhältnisse ihre vorbestimmten Positionen
nicht mehr. Wenigstens fanden die Abgeschlagenen doch noch
Anschluss an die Schlachtline, unglücklicherweise jedoch als
Schlusslichter, was sich unvermutet bitter rächen sollte. Auch
Konteradmiral Bloys van Treslong hatte sich mit der BRUTUS (74) "verfranst"
bzw. war hinter sein Geschwader zurückgefallen. Die 74 Kanonen von
Bloys Flaggschiff gehörten laut Plan zur Vorhut der Flotte, er
selbst sollte laut Plan die Spitze der Linie kommandieren. Nun
verstärkte die BRUTUS (74 - Konteradmiral Bloys) genau den Teil des Zentrums der
holländischen Linie, der unglücklicherweise nicht die
Hauptlast der späteren Schlacht tragen sollte. Trotz dieser
vermeintlich kleinen Pannen baute De Winter jedoch eine perfekte
Schlachtlinie auf, mit gut getimten Abständen und der
erwähnten zweiten Linie in Lee. Dort bezogen die Fregatten,
Korvetten und die mit für ihre Klasse aussergewöhnlich
schweren 18-Pfündern ausgerüstenen Kanonen-Briggs Station und
deckten mit ihren Breitseiten die wichtigsten Zwischenräume der
ersten Schlachtlinie. Jeder Gegner, der versuchen sollte, in eine
dieser Passagen einzubrechen, würde von den Kanonen der zweiten
Linie der Länge nach beschossen werden. Die holländische
Linie stand am Ende wirklich annähernd vorbildlich, eine
höchst beachtliche Leistung für den früheren
Marineoffizier und späteren Infanteriegeneral, der auf See
zurückgekehrt war. So sah die niederländische Linie also folgendermaßen aus: GELIJKHEID
(64), BESCHERMER (54), HERCULES (64), ADMIRAAL TJERK HIDDES DE VRIES (64) , VRIJHEID (74),
STATEN GENERAAL (74), WASSENAAR (64), BATAVIER (54), BRUTUS (74), LEYDEN
(64), MARS (44), CERBERUS (64), JUPITER (74), HAARLEM (64), ALKMAAR
(54), DELFT (54).
Man beachte noch einmal die durch die beschriebenen Umstände eingetretene Schwächung an Spitze und Ende der Linie.
De
Winter konnte zunächst aber mit Befriedigung vermerken, das die
Briten noch immer keine Aufstellung gefunden hatten. Und der
Nordost-Kurs der batavischen Flotte führte immer weiter in
flachere Gewässer und bald schon würde der englische Angriff
mit dem wachsenden Risiko von Strandungen vorgetragen werden
müssen. Der Plan des batavischen Admirals schien tatsächlich
aufzugehen. Auf englischer Seite gab es ein Problem, mit dem in der Age of Sail jeder Admiral vor einer Schlacht zu rechnen hatte: Die
unterschiedlichen Segeleigenschaften der diversen Schiffe, von denen
eines z.B. besser am Wind und das andere besser vor dem Wind lief,
führte zu stark differierenden Geschwindigkeiten der Schiffe in
Duncans Flotte. Es gab also große Abstände zwischen den
einzelnen Einheiten und der Admiral mußte sich mit dem Problem
auseinandersetzen, wie er unter diesen Umständen seine
Schlachtlinie formieren konnte. Mühevoll mußte er per
Flaggensignal die Schiffe einzeln ansprechen, um ihnen Befehle für
ihre Manöver zu geben. Dieses Management-Problem fusionierte
mit dem nicht aktualisierten Informationsstand des Flaggleutnants der
VENERABLE (74 - Admiral Duncan), der Signale heißte, die sich seinem Kenntnisstand nach
an das befohlene Schiff wendeten, bei denen sich tatsächlich aber
entweder kein Schiff oder gleich mehrere Schiffe der Flotte
angesprochen fühlten. Auf englischer Seite gab es deswegen
beim Anmarsch eine konfuse Aneinanderreihung von Signalen, eine oder
zwei Flaggenserien davon waren sogar lediglich irrtümlich
aufgezogen worden. Dies konnte auch unter normalen Umständen schon
einmal geschehen und wäre bei ansonsten klaren Kommunikationswegen
sicher kein Problem gewesen. Aber in dieser Situation summierten sich
die Irrtümer zum Informationschaos. Wegen des regnerischen
Wetters waren die Sichtverhältnisse auch noch eingeschränkt,
was dazu führte, das einige angesprochene Schiffe die Flaggen
ausmachen konnten, andere jedoch nicht. Und mindestens Trollopes
kleinem Geschwader, also RUSSELL (74 - Trollope), ADAMANT (50 - Hotham) und der großen Fregatte
BEAULIEU (40 - Fayerman) , war die beabsichtigte Schlachtordnung ja noch gar nicht
bekannt. Dieser Umstand wurde von Duncan jedoch einfach vergessen
bzw. zu spät berücksichtigt, als der englische Admiral das
Signal heißen ließ, man möge sich in die geplante
Schlachtordnung einreihen. Und das Problem potenzierte sich mit
seinen Konsequenzen: Einige Schiffe liefen den anderen davon, andere
Schiffe orientierten sich falsch und entfernten sich sogar von ihrer
virtuellen Position in der Schlachtlinie. Die
Verschlimmbesserungen der Signalkanonade wurden immer hektischer und
die niederländische Flotte kam immer tiefer ins Lee von Duncans
Schiffen. Nicht einmal mehr die grobe Teilung der Flotte in die Farben
der beiden höchstrangigen Admirale Duncan und Onslow ließ
sich noch einhalten. Man benötigt deswegen einen
diesbezüglich gutwilligen Beobachter, um später
überhaupt von zwei Angriffsgruppen zu reden. Eigentlich griffen
die beiden Flaggschiffe an und wurden - ziemlich wahllos - gefolgt vom
Rest der Flotte.
Chaos
Um 11:29 hatte Duncan noch die unfreiwilligen
"Bummler" seiner Flotte ermahnt, aufzuschließen. Gegen 11:30
wurde Duncan dann klar, das er seinen Plan, wie Howe 1794 aus einem
Parallelkurs in die feindliche Schlachtlinie einzubiegen, nicht mehr
würde verwirklichen können. Er bekam bei der Verfolgung der
Niederländer keine Schlachtlinie mehr zusammen, bevor man allzu
flache Gewässer erreicht hatte. Doch die Verwirrung hatte noch
immer kein Ende. Duncan schrieb in seinem Bericht: "Als wir
näher kamen, gab ich das Signal, die Segel zu kürzen, um sie
[die Schlachtlinie] zu bilden ; kurz konnte ich die Küste zwischen
Camperdown und Egmont sehen, rund 9 Meilen im Lee des Feindes. Ich
fand, das keine Zeit mehr bis zum Angriff zu verlieren war und gab das
Signal, [zum Feind] aufzuschließen, die Linie des Feindes zu
durchbrechen und ihn auf der Leeseite zu stellen, jedes Schiff seinen
Widerpart." Das hieß: Jedes Schiff sollte sein direktes
Gegenüber in der feindlichen Linie angreifen. Da aber die
englischen Kapitäne sehr unterschiedliche Vorstellungen davon
hatten, an welcher Stelle der Linie sie segelten und die Linie niemals zustande kam, war völlig
unklar, welches batavische Schiff eigentlich mit welchem englischen
Angreifer korrespondierte. Die ADAMANT (50 - Hotham) zum Beispiel, eigentlich zu
Duncans Gruppe gehörig und laut Schlachtplan hinter der ISIS (50 - Mitchell)
stationiert, blieb auf Duncans Befehl bei Onslows Gruppe, weil sie zu
Trollopes Geschwader gehört und sich hinter der RUSSELL (74 - Trollope)
eingeordnet hatte. Bekanntlich war das Aufklärungsgeschwader nicht
über die in Yarmouth beschlossene Aufstellung informiert. Ihr Gegner laut
Schlachtlinienplan wäre die HERCULES (64 - van Rijsoort) gewesen, was die ADAMANT (50 - Hotham) aber
zu tollen Manövern gezwungen hätten. Ihr Kapitän
entschied sich deswegen natürlich, den Befehl so zu interpretieren, das ihr Gegner sich
aus der tatsächlichen taktischen Position seines Schiffes ergeben müsse. Demnach
wäre der natürliche Gegner der ADAMANT (50 - Hotham) die ALKMAAR (54 - Krafft) gewesen.
Selbst an dieses Schiff kam Kapitän Hotham schließlich aber nicht
heran, weil das Gedränge englischer Schiffe dort allzu dicht war. Ob die ADAMANT (50 - Hotham) überhaupt einige Schüsse auf die
ALKMAAR (54 - Krafft) abgab, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren.
Marinehistorische Romane
Wo kämpfte die SOPHIE gegen die CACAFUEGO ? Wo liegt das Ashgrove Cottage ? Dieser englischsprachige Atlas verfolgt die Routen, zeigt die Schauplätze und faßt die Handlungen von 17 Aubrey-Romanen O´Brians zusammen.
Trotz
der offensichtlichen Verwirrung blieb die englische Flotte auf Kurs und
um 11:35 kam von der VENERABLE (74 - Admiral Duncan) der Befehl zum Kurswechsel, faktisch
bereits der Angriffsbefehl : "Bear up and sail large !" Taktisch
gesprochen hätten die englischen Schiffe sich nun in eine
versetzte Linie (line of bearing) einordnen müssen, die sich
in einem spitzen Winkel der feindlichen Linien genähert
hätte. De facto positionierten sich die Briten aber in zwei
großen Melees 3 und versuchten, so schnell wie
möglich an die feindliche Linie heran zu kommen. Gegen
11:40 ließ Duncan dann Onslows Schiffen signalisieren : "Die
Vorhut soll die feindliche Nachhut angreifen !" Dabei waren, wie sich
später in der Kriegsgerichtsverhandlung gegen den Kapitän der
AGINCOURT (64 - Williamson) herausstellen sollte, gleich zwei Sachverhalte unklar: Wer gehörte eigentlich zu Onslows Gruppe und wer gehörte zur Vorhut ? Um
11:53 folgte dann der Befehl, durch die Linie des Gegners zu brechen
und ihn von der Leeseite her anzugreifen. Der Angriff auf der Leeseite
des Gegners verlegte dem feindlichen Schiff natürlich den Weg
unter Land und so deuteten viele Autoren diesen Angriff auch. Bei
diesem Befehl war aber diese strategische Komponente von lediglich
sekundärer Bedeutung. Der primäre Sinn dieser taktischen Maßnahme wurzelte eigentlich
in folgendem Umstand: Heftige Dünung verursachte bei den ohnehin
am Wind segelnden Schiffen eine starke Schieflage. Dies führte
dazu, das die Geschützpforten der unteren Batteriedecks auf der
Leeseite zeitweise unter Wasser gerieten und geschlossen bleiben
mußten. Dort steht bekanntlich die schwere Artillerie von
Linienschiffen. Wenn die Steuerbordbreitseite des Feindes auf der
Leeseite auf diese Weise behindert wurde, war das natürlich ein
Vorteil für das Schiff auf der Landseite. Trotzdem
müssen
einige englische Kapitäne verwundert, irritiert oder sogar
höchst zweifelnd auf diesen Befehl reagiert haben. Der englische
Angriff war nicht koordiniert und die Schiffe hatten infolge
ihrer nicht identifizierbaren taktischen Positionen natürlich das
Orientierungsproblem, welches feindliche Schiff denn ihr Gegner
war und wo sie denn durchbrechen sollten. Kein Wunder, das sich
die irritierten Kommandanten deswegen an den beiden Flaggschiffen
orientierten. Dies erst führte zur Bildung zwei mehr oder weniger deutlich
definierter Angriffshaufen und zu einer gewissen Konzentration der
Kräfte. Diese Cluster setzten sich folgendermaßen zusammen: Vizeadmiral
Onslows wilder Haufen war am südlichsten und stand deswegen dem aus dem Süden kommenden Gegner am nächsten. Das Melee wurde von seinem Flaggschiff MONARCH (74) angeführt, dahinter folgten POWERFUL (74), RUSSELL (74), MONTAGUE (74), VETERAN (64), DIRECTOR (64), MONMOUTH (64) , AGINCOURT (64) und die ADAMANT (50). Ebenfalls dabei war die große Fregatte BEAULIEU (40 - Fayerman). Duncan führte mit seiner VENERABLE (74) die TRIUMPH (74), BEDFORD (74), ARDENT (64), BELLIQUEUX (64) , LANCASTER (64) und ISIS (50) an. (Siehe auch diese Karte)
Die
beiden
englischen Cluster näherten sich im spitzen Winkel mehr und mehr
der
niederländischen Schlachtlinie und um 12:05 kam dann mit dem
allgemeinen Signal "Close action" der eigentliche Angriffsbefehl
Duncans. Die Engländer hielten nun frontal auf die feindliche Linie zu, ohne sich aber in irgendeiner Art und Weise zu koordinieren. Die schnelleren Schiffe überholten die "Bummler" und kein Kommandant hatte eine bessere Anweisung als "Angriff" ! Angesichts
dieses chaotischen Attacke kann man über die Qualität
Duncans als Befehlshaber nur spekulieren. Man soll sich aber nichts vormachen:
Wäre der englische Anlauf schiefgegangen, dann
wäre der alte Admiral zweifellos vor einem Kriegsgericht gelandet.
Trotz aller Rechtfertigungsversuche über einen angeblichen
Strategieaufsatz 9, den Duncan zuvor gelesen haben soll: Die Angriffsmanöver waren lediglich improvisiert. Auch spottete dieser Angriff jeder bis dahin
vertretenen Strategie inklusive des später erwähnten
Papiers 9. Kein Zweifel, Duncan hatte sicherlich gewichtige Gründe, die Sache durchzuziehen. Immerhin glaubte er, eine Invasion auf britischem Territorium verhindern zu müssen. Andere
Admirale hätten möglicherweise - dem Lehrbuch folgend - zunächst ihre
Schiffe gesammelt. Sie hätten dann aber auch vor dem Dilemma
gestanden, den Niederländern in flachere Gewässer zu folgen
oder die feindliche Flotte, möglicherweise mit einer
Invasionsarmee für Irland an Bord, ziehen zu lassen. Dieses
Dilemmas war sich Duncan sicherlich vollkommen bewusst. Und er
hätte wirklich das Attribut "genial" verdient, könnte man die
folgenden Fragen mit "Ja" beantworten: Ist Duncan sich bei seinem
Angriffsbefehl bewusst gewesen, welche Feuerüberlegenheit die
Karronaden seinen Schiffen geben würden ? Konnte er die Art
und Weise, wie seine Flotte in die wohlgeordnete niederländische
Schlachtordnung hinein segeln würde, voraussehen und die Folgen
dieser Penetration der feindlichen Linie antizipieren ? Ich meine:
Nein, denn es gab für beides so gut wie keine Erfahrungswerte.
Duncan handelte nicht genial, sondern ließ sich wohl einfach
hinreißen. Wollte der Admiral dem beschriebenen Dilemma entgehen
und sich später nicht nachsagen lassen, er habe eine eingeschiffte
Invasionsarmee entkommen lassen ? Oder hatte der Kontrollverlust
über seine Schiffe und die vorhergegangene Pannenserie der
Flaggensignale Duncan zu dieser Entscheidung motiviert ? Spürte er
den Stress, den er seinen Kapitänen zugemutet hatte, so das ein
ansonsten eher kühler und emotionsloser Schotte wie Inglis4
fluchend sein Signalbuch wegwarf ? Dies wird für immer das Geheimnis des Admirals
bleiben. Seine Entscheidung erscheint mir jedenfalls aus seiner
damaligen Position heraus waghalsig oder verzweifelt, jedenfalls ein
geradezu brutales Alles-oder-Nichts- Szenario. Man begreift, warum
ausgerechnet Nelson dem alten Admiral später Verehrung zollte,
während Keats, der beste englische Stratege, sicherlich abgewinkt
hätte.
von Brian Lavery Sprache:
Englisch Gebundene Ausgabe 120 Seiten Erscheinungsdatum: April 2003 beim Brassey-Verlag Maße: 25,4 x 24 cm
Der Text enthält (fast) alles Wichtige, was man über eines der ersten 74-Kanonen-Schiffe des 18. Jahrhunderts wissen muß. Trotzdem besteht das Buch größtenteils aus Fotos, Zeichnungen und Bauplänen. Diese vermitteln dem Betrachter ein wunderbares Bild des Schiffstypes , mit dem Lord Nelson später bei Trafalgar siegen sollte. Für Liebhaber ist dieser Band ein must have.
Jedenfalls ließ sich nun der Angriff nicht
mehr aufhalten. Onslows ohne Ordnung segelnde Gruppe sollte als erstes
den Gegner erreichen und näherte sich in einem spitzen Winkel der
niederländischen Linie. Schließlich ließ der
Vizeadmiral das Ruder nach Steuerbord legen und segelte frontal auf die
kanonenstarrenden Breitseiten der Batavier zu. De Winter hatte -
sicherlich aufs Äußerste überrascht - die
formationslose Annäherung der Engländer beobachtet. Leider
hat er sich nie geäußert, was er zu diesem Zeitpunkt
fühlte. Ich vermute aber, das es eine Mischung aus großer
Zuversicht und Fassungslosigkeit gewesen sein muss. Die Engländer
verstießen ja gleich gegen zwei Doktrinen: Eine galt seit
Mitte des 17. Jahrhunderts und lautete: Formiere deine Schiffe in einer
Linie, um alle Breitseiten zum Tragen zu bringen. Deswegen wurde damals
die bis dahin gängige Melee-Formation - die Schiffe gruppierten
sich um das Flaggschiff herum - durch die Innovation der
Schlachtlinie abgelöst. Es waren 1660 übrigens ausgerechnet
die in Linien segelnden Engländer, die gegen holländische
Melees erfolgreich waren. Die zweite Doktrin galt, seitdem
Kriegsschiffe Breitseiten abfeuern konnten: Vermeide den
Längsbeschuss. Die Briten aber forderten den
Längsbeschuss geradezu heraus ! Trotz ihrer Überraschung
behielten De Winter und seine Kommandanten einen kühlen Kopf.
Obwohl die Briten bereits in Reichweite waren, ließen die niederländischen Kommandanten das
Feuer noch zurückhalten, bis ihre abgefeuerten Kanonenkugeln ihre
optimale Wirkung entfalten konnten. Ein Blick auf die korrigierte, klassische Karte zeigt den Angriff Duncans auf die batavische Schlachtlinie
Es
war 12:30, als die MONARCH (74 - Vizeadmiral Onslow) sich der batavischen Linie soweit
genähert hatte, das man auf Seiten der Niederländer das Feuer
frei gab. Es war besonders die JUPITER (74 - Vizeadmiral Reintjes), deren Breitseiten aus ca. 100
Meter Distanz durch das Flaggschiff Onslows fetzten. Der Bug der
MONARCH (74 - Vizeadmiral Onslow) zielte indessen genau in die Lücke zwischen JUPITER (74 - Vizeadmiral Reintjes) und
HAARLEM (64 - Wiggerts), das Schiff nahm die auf kurze Distanz abgefeuerten Breitseiten
der Niederländer und glitt dann hinter der JUPITER (74 - Vizeadmiral Reintjes) und vor der
HAARLEM (64 - Wiggerts) hinein in die feindliche Schlachtlinie. Die
Geschützbesatzungen der Breitseiten zielten auf der
Backbordseite in das Heck von Vizeadmiral Reintjes Flaggschiff, an Steuerbord auf
die sich nähernde HAARLEM (64 - Wiggerts). Über den Bug der MONARCH (74 - Vizeadmiral Onslow)
schlugen nun Kugeln aus der zweiten Linie der Batavier ein, abgefeuert
von der dort stationierten Fregatte MONNIKENDAM (40 - Lancaster) und einer der
Kanonen-Briggs. Endlich kam der Feuerbefehl für die
Geschützbesatzungen der MONARCH (74 - Vizeadmiral Onslow) , beide Breitseiten brüllten
auf und die englischen Kugeln zogen lange Bahnen der Zerstörung
durch die beiden holländischen Linienschiffe. Schon zum Auftakt
der Schlacht forderten die englischen Kanonen auf diese Weise
zahlreiche Tote und Verwundete. Onslow ließ nun das Ruder
wieder nach Backbord legen, ging an den Wind und auf Parallelkurs mit
der JUPITER (74 - Vizeadmiral Reintjes), erreichte spielend deren Höhe und begann ein
Feuerduell mit dem Flaggschiff Reintjes. Der englische Vizeadmiral
hatte befehlsgemäß die Leeseite der Feindlinie erreicht, mit
all den beschriebenen Vorteilen dieser Position. Während des
Angriffsmanövers der MONARCH (74 - Vizeadmiral Onslow) folgte die POWERFUL (74 - Drury) dem Flaggschiff
in die geschlagene Bresche, möglicherweise von ihrem Flaggschiff
zum Teil vor dem feindlichen Feuer gedeckt. Drurys Schiff
durchstieß ebenfalls schießend die batavische Linie und
setzte ihre überlegene Breitseite auf der Leeseite der HAARLEM (64 - Wiggerts)
ein. Das englische 74-Kanonen-Schiff hatte gegenüber seinem
bereits von der Breitseite des englischen Flaggschiffs
durchgeschüttelten Gegner mindestens 9 Kanonen pro Salve mehr zum
Tragen zu bringen. Dafür geriet die POWERFUL (74 - Drury) jedoch auch unter den
Beschuss der MONNIKENDAM (40 - Lancaster) und einer weiteren holländischen
Kanonenbrigg, deren Achtzehnpfünder einige Wirkung auf Durys
Schiff zeigten. Die grausame Quittung für den Angriff der
kleineren, batavischen Schiffsklassen folgte jedoch postwendend:
Eine fürchterliche Breitseite der MONARCH (74 - Vizeadmiral Onslow) traf die
batavische Fregatte, fegte u.a. ihr Steuerrad davon und ließ sie
schwer getroffen zurückfallen. Und während Onslows Schiff die
JUPITER (74 - Vizeadmiral Reintjes) mit ihrer Backbordbreitseite traktierte, erwiderte die MONARCH (74 - Vizeadmiral Onslow)
das Feuer einer weiteren, todesmutig angreifenden batavischen Brigg auf
ihrer Luvseite mit tödlichen Folgen. Das Logbuch Onslows
verzeichnet, das die Brigg - offensichtlich mit nur einer Breitseite -
versenkt wurde. 5 Minuten nach Beginn der Schlacht (12:35) geriet
die anlaufende MONMOUTH (64 - Walker), die sich die ALKMAAR (54 - Krafft) als Gegnerin ausgeguckt
hat, unter deren Beschuss. Die Kanonen der MONMOUTH (64 - Walker) schwiegen, bis sie
zwischen ALKMAAR (54 - Krafft) und DELFT (54 - Verdooren) die holländische Linie passierte und
beide 54-Kanonen-Schiffe der Länge nach bestrich. Danach setzte
sie sich neben die ALKMAAR (54 - Krafft) und liefert sich bis gegen 13:00 ein
heftiges Duell mit dem 54-Kanonen-Schiff. Die RUSSELL (74 - Trollope) hatte Signal
von Admiral Duncan, das letzte Schiff der Nachhut anzugreifen, das
54-Kanonen-Schiff DELFT (54 - Verdooren). Nur wenige Minuten nach der MONARCH (74 - Vizeadmiral Onslow) erreichte
sie zeitgleich mit der MONMOUTH (64 - Walker) die feindliche Nachhut und
eröffnete das Feuer auf den ihr zugewiesenen Gegner, der darauf
hin zurückfiel, sozusagen in die Arme der MONTAGUE (74 - Knight). Die
MONTAGUE setzte sich backbord neben die DELFT (54 - Verdooren) , gab ihr eine Breitseite
aus ihren 32-Pfündern, worauf das batavische Schiff ganz aus der
Linie fiel. Kapitän Knight ließ wenden und folgte der DELFT (54 - Verdooren) ,
doch als das englische Linienschiff das schwer getroffene Feindschiff
erreichte, konnten die Briten keine Flagge mehr wehen sehen. Weil man
an Bord des Engländers dachte, die DELFT (54 - Verdooren) habe bereits die Flagge
gestrichen, ließ das 74-Kanonen-Schiff von dem zerschossenen
Niederländer ab, jedoch nur, um sie wieder der RUSSELL (74 - Trollope) zu überlassen. Die MONTAGUE (74 - Knight) wendete erneut, erspähte
aus größerer Distanz die mit zwei anderen Schiffen
kämpfende ALKMAAR (54 - Krafft), passierte Kapitän Kraffts Schiff und jagte
dem holländischen 54-Kanonen-Schiff eine Breitseite in den Rumpf.
Dann arbeitete Knight sich die Linie hoch, auf jeden Feind feuernd, auf
den er traf.
Die DIRECTOR (64 - Bligh) - im Melee hinter RUSSELL (74 - Trollope) und MONMOUTH (64 - Walker) segelnd -
passierte die ALKMAAR (54 - Krafft) vor ihrem Backbordbug, verpasste ihr ebenfalls
eine schwere Breitseite, kam dann auf der Leeseite der Linie achtern
der HAARLEM (64 - Wiggerts) und jagte auch ihr mindestens zwei Breitseiten in die
hintere Steuerbordseite. Dann passierte Bligh die HAARLEM (64 - Wiggerts), ließ
dabei jedoch das Feuer einstellen, um nicht ein an Backbord des
Niederländers kämpfendes englisches Schiff zu treffen. Dieses Schiff war wahrscheinlich
die ADAMANT (50 - Hotham). Hotham, im Melee hinter der RUSSELL (74 - Trollope)
positioniert, hatte sich zunächst von der Luvseite her auch auf die
DELFT (54 - Verdooren) gestürzt, wich dann aber der hinter ihm aufkommenden
MONTAGUE (74 - Knight). Die ADAMANT (50 - Hotham) kam daraufhin auf gleiche Höhe mit der HAARLEM (64 - Wiggerts),
eröffnete das Feuer und blieb ihr bis zum Ende der Schlacht im
Kampf verbunden. Ein weitgehend unbeschriebenes Blatt der Schlacht
von Camperdown ist die VETERAN (64 - Gregory), die zwar ohne Zweifel in Onslows
Geschwader deligiert war, deren Spuren in den Berichten aber weniger
ausgeprägt sind als die der anderen Schiffe. Es ist sehr
wahrscheinlich, das Kapitän Gregory und sein Schiff etwas achtern
und in Backbord der POWERFUL (74 - Drury) die feindliche Linie erreichte.
Möglich ist, das die VETERAN (64 - Gregory) eine oder zwei Breitseiten auf das
Vorschiff der JUPITER (74 - Vizeadmiral Reintjes) abgeben konnte und dann in ein kurzes Gefecht mit
der nach Lee ausweichenden CERBERUS (64 - Jacobson) kam. Dann aber machte die
VETERAN (64 - Gregory) sich definitiv auf den Weg zur Spitze der Linie und war eines
der ersten Schiffe der Gruppe Onslows, das im Kampf um das Zentrum
eingriff. Die AGINCOURT (64 - Williamson) stieß zunächst gar nicht bis
zur feindlichen Linie vor, sondern war selbst hinter die englische
Fregatte BEAULIEU (40 - Fayerman) zurückgefallen. Sie hielt sich vorerst weit im
Luv des Kampfes gegen die Nachhut auf, weil Kapitän Williamson -
wie er sagte - keinen direkten Gegner erkennen konnte und sich durch -
falsch ausgelegte - Signale des Admirals gebunden fühlte.
Im Zentrum
Duncan
führte mit der VENERABLE (74) sein Geschwader zum Angriff auf Vorhut und Zentrum der
batavischen Flotte. Die holländische Linie wartete auch hier so
lange bis zur Eröffnung des Feuers, bis die Breitseiten ihrer
Schiffe kaum noch fehlen konnten. Zwar flog so manche Kugel über
die VENERABLE (74 - Admiral Duncan) an der Spitze hinweg, traf dann aber meistens ein Schiff
hinter ihr. Duncan selbst war jedoch seiner Sorgen über den
unkonventionellen Angriff ledig, denn das Abwehrfeuer der feindlichen
Schlachtlinie war bei weitem nicht so verheerend, wie die Theorie immer
gedroht hatte. Der alte Admiral war sogar ausgesprochen guter Laune.
Als er einen jungen Midshipman beobachtete, wie der sich unter den
über das Schiff heulenden Kugeln duckte, rief er ihm zu: "Ist
schon in Ordnung, mein Junge, aber tue das nicht noch einmal. Du
könntest dabei deinen Kopf in die Schusslinie einer Kugel halten !" Duncans Gruppe erreichte rund 15 Minuten nach Onslows Angriff die Linie der
Holländer. Der englische Admiral versuchte zwischen VRIJHEID (74 - Vizeadmiral De Winter) und
STATEN GENERAAL (74 - Konteradmiral Storij) die niederländische Linie zu passieren, um De Winters Flaggschiff von der Leeseite her anzugreifen, doch
Konteradmiral Storij blockierte diesen Versuch, indem er die STATEN GENERAAL (74) vor den Bug der VENERABLE (74 - Admiral Duncan) schob. Dies blockierte die
VENERABLE (74 - Admiral Duncan) tatsächlich, doch das Manöver der STATEN GENERAAL (74 - Konteradmiral Storij)
riss eine neue Lücke zwischen Storijs Flaggschiff und der
WASSENAAR (64 - Holland). Um 12:45 ließ Duncan das Ruder nach Lee legen und
perforierte die feindliche Linie hinter dem Heck der STATEN GENERAAL (74 - Konteradmiral Storij),
die eine schreckliche Breitseite des englischen Flaggschiffes in ihr
Heck empfing. Über den Bug der WASSENAAR (64 - Holland) fegten indessen die
Kanonenkugeln der englischen Steuerbordseite. Die STATEN GENERAAL (74 - Konteradmiral Storij)
fiel durch den Beschuss der VENERABLE (74 - Admiral Duncan) zunächst aus der Linie und
driftete nach Lee weg. Duncan konnte zur VRIJHEID (74 - Vizeadmiral De Winter)
aufschliessen, die gleichzeitig auf der Luvseite von der kleineren
ARDENT (64 - Burgess) angegriffen wurde. Storij und seine Crew brachten aber alsbald
ihr Schiff wieder auf Kurs und machten sich an die Verfolgung der
VENERABLE (74 - Admiral Duncan).
Master & Commander (Special Edition, 2 DVDs)
Darsteller: Russell Crowe, Paul Bettany
Regie: Peter Weir In Deutsch und Englisch, Bildformat: 2.35:1 DVD Erscheinungsdatum: 15. April 2004 ,
Produktion: 2003 DVD Features:
Mehr als 3 Std. Bonusmaterial, Dokumentation 'Visuelle Effekte', unveröffentlichte Szenen, HBO Special
Erscheinungsdatum: Januar 2006 Story um Leutnant Patrick Dalton während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges
Die TRIUMPH (74 - Essington) setzte sich neben die schwer getroffene WASSENAAR (64 - Holland) und jagte ihr eine Breitseite nach der anderen in den Rumpf. Auf
der ARDENT (64), die das batavische Flaggschiff auf der Backbordseite
angriff, wurde Kapitän Richard Rundle Burgess indessen schon durch
die zweite Breitseite der VRIJHEID (74 - Vizeadmiral De Winter) getötet. Leutnant John
Phillips, der das Kommando übernahm, hielt die 64 Kanonen seines
Schiffes neben dem 74-Kanonen-Schiff De Winters, jedoch um den Preis
schwerer Verluste und Schäden. Die ebenfalls in die holländische Linie eingedrungene BEDFORD (74 - Byard), die auf ihrer
Backbordseite inzwischen ein Gefecht mit der ADMIRAAL TJERK HIDDES DE VRIES (64 - Zeegers)
führte,
begann nun auch, das Vorschiff von De Winters Flaggschiff mit einem
Eisenhagel zu überziehen. Auch die Flagge Duncans wurde ein
bevorzugtes Ziel des Gegners, denn Storij hatte sich auf der
Steuerbordseite der VENERABLE (74 - Admiral Duncan) etabliert. So war die VENERABLE zwischen
VRIJHEID (74 - Vizeadmiral De Winter) und STATEN GENERAL (74 - Konteradmiral Storij) geraten und wurde von vorne auch noch von
den Geschützen der ADMIRAAL TJERK HIDDES DE VRIES (64 - Zeegers)
unter Feuer genommen. Einige Zeit
fanden von achtern sogar Kanonenkugel der WASSENAAR (64 - Holland) ihr Ziel im Holz
des Engländers, doch die TRIUMPH (74 - Essington) brachte dieses Schiff bald zum
Schweigen. Die VRIJHEID (74 - Vizeadmiral De Winter) wiederum wurde nicht nur von Duncan
beharkt, sondern hatte auf ihrer Backbordseite in der tapferen,
kleineren ARDENT (64 - Leutnant John
Phillips) gleichsam einen Terrier, der sich in die Flanke von De
Winters Schiff verbissen hatte und trotz großer Verluste eine
große Feuergeschwindigkeit halten konnte. Vor den Bug der VRIJHEID (74 - Vizeadmiral De Winter) schob sich immer wieder die BEDFORD (74 - Byard), die gleichzeitig ihr Duell mit der ADMIRAAL TJERK HIDDES DE VRIES (64 - Zeegers) fortführte. Die
LANCASTER (64 - Wells) und die ISIS (50 - Mitchell) hatten die kämpfenden
Flaggschiffe in einiger Distanz passiert und stürzten sich auf die
batavische Vorhut. Sie attackierten zunächst gemeinsam die
führende GELIJKHEID (64 - Ruijsch). Die ISIS (50 - Mitchell) stellte den
Niederländer an der Luvseite, während die LANCASTER (64 - Wells)
hinter sein Heck schlüpfte und dem durch seine Halse sein Heck
schützenden Holländer eine Breitseite in das Achterschiff
jagte. Gleichzeitig lief Kapitän John Wells der BESCHERMER
(54) vor den Bug und traf auch das kleinere Schiff mit einer
verheerenden Salve, die Kapitän Hinxt tötete und das
54-Kanonen-Schiff aus der Linie warf. Die BESCHERMER drehte nach
Lee weg, wechselte eine weitere unvorteilhafte Breitseite mit der
LANCASTER (64 - Wells), wurde dann auf ihrer Steuerbordseite unangenehm von der
BELLIQUEUX (64 - Inglis) überrascht und suchte von diesem Zeitpunkt an bereits ihr Heil in der Flucht. Die BELLIQUEUX (64 - Inglis) wiederum zwang auf ihrer Steuerbordseite der HERCULES (64 - van Rijsoort) ein Duell der Breitseiten auf.
Der
erste Angriff der Engländer bot also ein verblüffendes Bild:
Die Hälfte aller britischen Linienschiffe hatte sich auf die vier
letzten Schiffe der niederländischen Linie gestürzt, beim
Angriff auf die Vorhut stand es ungefähr gleich, doch das
batavische Zentrum um das Flaggschiff herum wurde allein von der
VENERABLE (74 - Admiral Duncan), der ARDENT (64 - Leutnant John
Phillips) und der TRIUMPH (74 - Essington) attackiert. Der BATAVIER (54 - Souters) ,
die BRUTUS (74 - Konteradmiral Bloys), die LEYDEN (64 - Musquetier), die MARS (44 - Kolff) und die CERBERUS (64 - Jacobson) waren indessen noch gar nicht oder kaum involviert worden. Es scheint
immerhin, daß das Phantom dieser Seeschlacht, die VETERAN (64 - Gregory),
die genannten Schiffe in einiger Distanz auf der Luvseite passierte und
es hier zu einem Feuergefecht des englischen 64-Kanonen-Schiffes mit
dem halben holländischen Zentrum kam. Dieses Gefecht mag
zunächst die Aufmerksamkeit der Gruppe um Konteradmiral Bloys de
Treslong vom Geschehen um die VRIJHEID (74 - Vizeadmiral De Winter) abgelenkt haben. Doch immer
näher kam die mögliche Hilfe für De Winter. Da aber
erhob sich vor dem kleinen BATAVIER (54 - Souters) an der Spitze die drohende
Breitseite der 74-Kanonen-TRIUMPH (Essington), die Feuer und Rauch gegen die
WASSENAAR (64 - Holland) auf der anderen Seite spieh. So wich der BATAVIER (54 - Souters) nach Lee
aus, offensichtlich gefolgt von den anderen Schiffen, die wertvolles
Luv opferten, was Konteradmiral Bloys van Treslong
später daran hindern sollte, De Winter effektiver zur Hilfe zu
kommen. Dazu kam, das sich aus der Nachhut schon das erste englische
Linienschiff löste und sich dem Heck der LEYDEN (64 - Musquetier) bedrohlich
näherte: Es war Blighs DIRECTOR (64).
Der
Kampf in der Nachhut fand schon früh eine Entscheidung. Die
HAARLEM (64 - Wiggerts) hatte fürchterliche Treffer von der POWERFUL (74 - Drury) schlucken
müssen, war dann auch noch von der RUSSELL (74 - Trollope) angegangen wurden und
fiel aus der Linie, gefolgt von der ADAMANT (50 - Hotham) , die schließlich
gegen 13:15 Kapitän Wiggerts zur Kapitulation 8 zwang. Die Fregatte MONNIKENDAM (40 - Lancaster) hatte
trotz der schweren Treffer ihr Feuer weiter auf die schweren
Linienschiffe gerichtet und war nach ihrem kurzen Duell mit MONARCH (74 - Vizeadmiral Onslow) und
POWERFUL (74 - Drury) durch die MONMOUTH (64 - Walker) zu einem totalen Wrack geschossen worden.
Am Ende sollte sie mit 52 Toten und 60 Verwundeten auch das Schiff mit
den prozentual höchsten Verlusten sein und ein warnendes Beispiel
dafür, eine Fregatte dem Feuer von Linienschiffen auszusetzen. Die
unglückliche DELFT (54 - Verdooren) hatte sehr unter dem Feuer der RUSSELL (74 - Trollope) zu
leiden. Verdoorens Schiff fiel zurück und Trollope kam neben die
ALKMAAR (54 - Krafft), die auf der anderen Seite bereits von der MONMOUTH (64 - Walker)
bedrängt wurde. Einige Schüsse von der RUSSELL (74 - Trollope) fetzten
auch in die MONMOUTH (64 - Walker). Die ließ sich daraufhin zurückfallen,
attackierte gegen 13:20 die DELFT (54 - Verdooren) , tanzte rund 40 Minuten um sie herum,
bis Kapitän Verdooren gegen 14:00 kapitulieren mußte. Die
RUSSELL (74 - Trollope) zwang inzwischen die kleinere und später ganz entmastete
ALKMAAR (54 - Krafft) zur Kapitulation. Dann griff sie die JUPITER (74 - Vizeadmiral Reintjes) auf ihrer
Backbordseite an. Gemeinsam mit der MONARCH (74 - Vizeadmiral Onslow) und mit der Hilfe anderer
passierender Schiffe bombardierten die Briten das Flaggschiff Reintjes,
doch die JUPITER (74 - Vizeadmiral Reintjes) kapitulierte noch immer nicht. Nachdem die
MONMOUTH (64 - Walker) ein Boot ausgesetzt hatte, um die DELFT (54 - Verdooren) in Besitz zu nehmen,
machte sie sich wieder auf den Weg zur ALKMAAR (54), die aber
inzwischen schon aufgegeben hatte. Dies war dem bis dahin
sehr zurückhaltenden Kapitän Williamson offenbar entgangen:
Die AGINCOURT (64 - Williamson) rauschte heran, feuerte eine Breitseite in die wehrlose
ALKMAAR (54), traf mit zwei Schüssen auch die MONMOUTH (64 - Walker) und nahm
umgehend das batavische 54-Kanonen-Schiff in Besitz. Kapitän
Walker von der MONMOUTH (64) nahm Williamson diesen Affront offensichtlich
sehr übel, denn er sagte bei dessen Kriegsgerichstverhandlung zu
Ungunsten des Kommandanten der AGINCOURT (64) aus. Mehr noch: Walker fand als einziger Zeuge bei dieser Gelegenheit wirklich deutliche
Worte 5. Die
DIRECTOR (64), Blighs Schiff, hatte jedem Schiff der niederländischen
Nachhut Treffer zugefügt. Sie hatte schließlich auch die
MONARCH (74 - Vizeadmiral Onslow) und die JUPITER (74 - Vizeadmiral Reintjes) passiert. Bligh, der richtig erkannte, das die
feindliche Nachhut aufgerieben war, beschloss sich an die Spitze der
Schlacht vorzukämpfen. Er wechselte auf diesem Weg - vermutlich
aber auf größere Distanz - Breitseiten mit der MARS (44 - Kolff) und der
LEYDEN (64 - Musquetier), schoss der MARS (44 - Kolff) immerhin ihren Besanmast weg und griff dann in
den Kampf um das Zentrum ein. Die DIRECTOR (64 - Bligh) wurde in einigem
Abstand gefolgt von der POWERFUL (74 - Drury) , die von Vizeadmiral Onslow explizit
ins Zentrum beordert wurde. Die beiden englischen Schiffe ließen
die verlorene batavische Nachhut und sechs englische Linienschiffe
hinter sich. Bligh und Drury hatten das Zentrum noch nicht
erreicht, als die JUPITER (74 - Vizeadmiral Reintjes), völlig zusammengeschossen, nur noch mit
ihrem vorderen Mast und mit einem schwer verwundeten Konteradmiral an
Bord, zunächst offensichtlich kapitulierte. Dies wurde aber von den englischen Schiffen um sie herum nicht bemerkt, so das die Crew des geschlagenen Schiffes nach einigen Minuten erbittert den Kampf wieder aufnahm, um am Ende dann doch aufzugeben. Die
englische Fregatte BEAULIEU (40 - Fayerman) nahm
inzwischen die MONNIKENDAM (40) oder besser gesagt, das, was von der
batavischen Fregatte über Wasser noch intakt war, in Besitz. Der
Kampf um die Nachhut hatte nur rund 1 Stunde gedauert. Lediglich die
JUPITER (74) kämpfte noch auf verlorenem Posten, doch Vizeadmiral
Reintjes war tödlich verwundet und sein Flaggschiff gegenüber
der halben englischen Flotte ohne Fluchtmöglichkeit.
Im
Zentrum blieb Duncans Flaggschiff weiter eingekeilt zwischen De Winters
VRIJHEID (74 - Vizeadmiral De Winter) und der STATEN GENERAAL (74 - Konteradmiral Storij). Voraus wurde die VENERABLE (74 - Admiral Duncan) noch immer
von der ADMIRAAL TJERK HIDDES DE VRIES (64 - Zeegers) beharkt und die Position des englischen
Oberkommandierenden drohte dramatisch zu werden. Mindestens einmal war
die Flagge des Engländers bereits heruntergeschossen worden, doch
ein Seemann mit Namen Jack Crawford enterte im Kugelhagel - angeblich
freiwillig - auf und nagelte das Tuch wieder an den Mast.
Später
wurde Crawford in England als Held gefeiert, traf den König,
erfuhr weitere zahlreiche Ehrungen und bekam eine jährliche
Staatspension.
Spätere Untersuchungen von Historikern legen freilich nahe,
das Crawford durch einen Befehl zu seiner Heldentat gezwungen
wurde und auch betrunken war, was an seinem Heldentum etwas
kratzte 7. Der
VRIJHEID (74 - Vizeadmiral De Winter) erging es indessen sogar noch wesentlich schlechter als der
VENERABLE (74 - Admiral Duncan), denn sie war wiederum eingeklemmt zwischen Duncan und der
gnadenlos standhaften ARDENT (64 - Leutnant John
Phillips). Nach und nach wurde um De Winter herum
sein Offiziersstab durch Tod und Verwundungen reduziert. Auf der
ARDENT (64 - Leutnant John
Phillips), die sich an der Backbordseite ihres vom Offiziersschwund
unbeeindruckt feuernden Gegners hielt, hatten die schweren Verluste
unter den Kanonieren sogar dazu geführt, das die ein oder andere
Seemannsfrau an den Kanonen und Karronaden mitkämpfte, was nicht
nur auf den Mangel an Männern, sondern auf den Mangel an
erfahrenen (!) Kanonieren zurückzuführen war. Leutnant
Phillips berichtete, das eine geschützerfahrene Frau, deren Mann
verwundet oder gefallen war, an Stelle ihres Mannes die Kanone
richtete. Sie ist eine der wenigen Frauen, deren Einsatz in der Royal
Navy dieser Tage dokumentiert ist. Obwohl man die Kanonierin
drängte, unter Deck zu gehen, kämpfte sie weiter und verlor
bald darauf ein Bein. Ich weiß leider weder, ob diese
kampfesbesessene Amazone in der offiziellen Statistik der 107 (!)
Verwundeten auf ihrem Schiff auftaucht noch wieviele Frauen
außer ihr in irgendeiner Funktion an der Schlacht teilnahmen.
Ihre Standhaftigkeit und die ihres Schiffes trugen jedoch dazu bei, das
sich die Waage deutlich zu Gunsten der Engländer neigte.
Nachdem
Kapitän Holland auf der WASSENAAR (64) gefallen war, hatte die TRIUMPH (74 - Essington)
sein Schiff endlich zum Streichen der Fahne gezwungen. Kapitän
Essington umschiffte daraufhin das rauchverhangene Zentrum, passierte
die VRIJHEID (74 - Vizeadmiral De Winter) und verpasste dem holländischen Flaggschiff bei
dieser Gelegenheit einige Breitseiten. Schließlich drang die
TRIUMPH (74 - Essington) bis zum Kampf in der Vorhut vor und griff die bislang eher
unterbeschäftigte HERCULES (64 - van Rijsoort) an. Ein unglücklicher
Treffer von Essingtons Karronaden ins Heck des holländischen 64ers
brachte einen Munitionsvorrat zur Explosion, das Schiff geriet in
Flammen und aus dem Ruder und wurde zu einer driftenden Gefahr für
alle anderen Schiffe. Dies sollte ein Mosaiksteinchen in der
holländischen Niederlage werden. Die BRUTUS (74 - Konteradmiral Bloys) und die LEYDEN (64 - Musquetier) hatten
im Schlepptau des BATAVIER (54 - Souters) bereits einen Bogen um das vor Pulverdampf
und Schiffen nicht mehr einzusehende Zentrum, beginnend TRIUMPH (74 - Essington) und
WASSENAAR (64), gemacht und waren recht weit nach Lee abgedrängt
worden. Auf größere Distanz hatten sie die dennoch die
VENERABLE (74 - Admiral Duncan) unter Feuer genommen und erzielten damit durchaus auch
Wirkung. Da aber kam ihnen das brennende Schiff van Rijsoorts entgegen.
Dies drängte Bloys und seine Schiffe noch weiter vom Ort des
Geschehens, von Duncan und De Winter ab. Wer weiß, wie es der
VENERABLE (74 - Admiral Duncan) ergangen wäre, wenn die BRUTUS (74 - Konteradmiral Bloys) und die LEYDEN (64 - Musquetier)
ihren Beschuss hätte fortsetzen können ? Die HERCULES (64 - van Rijsoort)
schien verloren, denn obwohl die Besatzung alles Pulver
über Bord warf, kämpfte man zunächst vergeblich gegen
die Flammen. Dann, vielleicht durch zunehmenden Regen, gelang gegen
alle Erwartungen doch noch erfolgreich der Sieg gegen das Feuer. Am
Ende der Schlacht rauchte das Schiff zwar noch, war aber
gerettet. Dafür war es mangels Pulver aber auch völlig
wehrlos und wurde rasch von den Briten einkassiert.
Das Ende
In der Vorhut schien die Schlacht schnell entschieden zu sein. Die
BESCHERMER (54), die nach dem Tod ihres Kapitäns und schweren
Schäden kein schlagkräftiger Gegner mehr war, hatte sich
bereits weit nach Lee abgesetzt und griff nicht mehr in die Schlacht
ein. Die HERCULES (64 - van Rijsoort) war bekanntlich brennend aus der Linie gefallen
und die Minuten der GELIJKHEID (64 - Ruijsch) schienen gezählt. Zunächst von
der ISIS (50 - Mitchell) bedrängt und von der LANCASTER (64 - Wells) beharkt sah sich
Kapitän Ruijsch gegen 14:00 plötzlich der VETERAN (64 - Gregory)
gegenüber, die das kämpfende Zentrum offensichtlich einfach
umschifft hatte. Auf der Steuerbordseite von der Holländers
eröffnete zur gleichen Zeit die BELLIQUEUX (64 - Inglis) das Feuer. Damit war
dann das Schicksal des abgekämpften holländischen Schiffes
besiegelt, auch wenn die GELIJKHEID (64 - Ruijsch) bis zum Ende der Schlacht
durchhielt. Sie war schließlich das letzte holländische
Schiff, das die Flagge strich. Die BELLIQUEUX (64 - Inglis) war durch den
Einsatz der TRIUMPH (74 - Essington) auf ihrer Steuerbordseite gerade die in Brand
geratene HERCULES (64 - van Rijsoort) losgeworden, als die BRUTUS (74 - Konteradmiral Bloys) aus dem Rauch heraus an
die Stelle ihres brennenden Kollegen trat. Konteradmiral Bloys begann
nun ein intensives Gefecht mit dem englischen 64er, immer wieder
unterbrochen von passierenden englischen Schiffen, die der BRUTUS (74 - Konteradmiral Bloys) das
Leben sauer machten. Im Zentrum veränderten sich inzwischen
die Kräfteverhältnisse dramatisch zugunsten Duncans: Die
DIRECTOR (64 - Bligh) und die POWERFUL (74 - Drury) griffen ein und Konteradmiral Storij auf der
STATEN GENERAAL (74 - Konteradmiral Storij) mußte einsehen, das sein Schiff auf verlorenem
Posten stand. Angesichts der Verstärkung der Briten löste er
sich aus dem Pulk und setzte sich ab. Storij wurde schließlich gefolgt von der BRUTUS (74 - Konteradmiral Bloys) und den kleineren batavischen Schiffen. Nicht alle entkamen jedoch: Die
ADMIRAAL TJERK HIDDES DE VRIES (64 - Zeegers) war gegen 14:00 von der ISIS (50 - Mitchell) angegriffen und beschossen
worden. Die LANCASTER (64 - Wells) griff in diesen Kampf ein und
überzeugte Kapitän Zeegers von der Sinnlosigkeit eines
weiteren Gefechts. Die ADMIRAAL TJERK HIDDES DE VRIES (64 - Zeegers) versuchte sich an den beiden Briten
vorbei abzusetzen, doch ihre Flucht kam zu spät. Die ISIS (50 - Mitchell) verlegte
der ADMIRAAL TJERK HIDDES DE VRIES (64 - Zeegers) den Weg, die BEDFORD (74 - Byard) schob sich heran und eingekeilt
zwischen den beiden Briten ließ Kapitän Zeegers die Flagge
herunterholen. Dies war ungefähr gegen 15:00. Die WASSENAAR (64) hatte schon gegenüber der
TRIUMPH (74 - Essington) kapituliert, war aber noch nicht in Besitz genommen worden.
Eine holländische Kanonenbrigg hatte sie erspäht, nahm sie
aufs Korn und der Beschuss zwang den kommandierenden Offizier
tatsächlich, die batavische Flagge wieder zu hissen - bis
die RUSSELL (74 - Trollope) die WASSENAAR (64) erreichte und dem bereits schwer geschlagenen
Schiff weitere blutige Schläge zufügte. Am Ende war der batavische
64er mit 70 Toten und 90 Verwundeten das Schiff mit den höchsten
Verlusten.
Das
batavische Flaggschiff sah sich inzwischen auch in der DIRECTOR (64 - Bligh) einem weiteren Gegner gegenüber. Auf
dem Achterdeck der völlig entmasteten VRIJHEID (74) war De Winter
der einzige noch unverwundete Offizier. Kapitän Van Rossum war
tödlich verwundet unter Deck gebracht worden, kaum eine Kanone
konnte
noch feuern, doch weder gab es eine Flagge zu streichen, noch jemand,
der dazu bereit gewesen wäre. Gegen kurz vor 15:00 war der
Kanonendonner auf dem batavischen Flaggschiff dann völlig
verstummt und die VRIJHEID (74 - Vizeadmiral De Winter) wurde von der DIRECTOR (64 - Bligh) angerufen,
ob man kapituliere. Von der VRIJHEID kam jedoch keine Antwort. Dies und
die Tatsache, das die Niederländer das feuer eingestellt hatten,
betrachtete Bligh als Aufgabe und ließ ein Boot aussetzen, um das
Schiff in Besitz zu nehmen. Er kam aber zu spät.
Zur
gleichen Zeit kam ein anderer englischer Offizier, Leutnant
Charles Richardson von der CIRCE (28 - Halkett), mit einem Boot längsseits, wurde
an Bord gelassen
und traf Admiral De Winter an, wie er zusammen mit einem Schreiner
Schusslöcher in einem Beiboot abdichtete. Richardson eskortierte
den batavischen Admiral zur VENERABLE (74 - Admiral Duncan), wo De WinterDuncan seinen Degen
übergeben wollte. Duncan nahm zwar die Übergabe an, doch er
wies das Schwert der Niederländers zurück, um den feindlichen
Admiral zu ehren. Dies war aber keine außergewöhnliche Geste
des Briten, dies war vielmehr damals so üblich und diente
gleichzeitig als Zeichen, das der geschlagene Gegner sich während
der Schlacht in keiner Weise unehrenhaft verhalten hatte. Erst viel
später wiesen Autoren spitzfindig darauf hin, daß die
VRIJHEID (74 - Vizeadmiral De Winter) niemals die Flagge gestrichen habe.
Alle
anderen noch kämpfenden batavischen Schiffe, dies waren die
ADMIRAAL TJERK HIDDES DE VRIES (64 - Zeegers) und die GELIJKHEID (64 - Ruijsch), stellten ungefähr zur gleichen Zeit,
also um 15:00 herum, ihren Kampf ein. Duncan ließ dem Rest
seiner Flotte signalisieren, man solle die Prisen sichern und sich um
das Flaggschiff sammeln. Dies war um 15:20, die Schlacht schien vorbei.
Doch gegen 16:00, bei erheblich verschlechterten Sichtbedingungen,
näherten sich die STATEN GENERAAL (74 - Konteradmiral Storij) und einige andere batavischen
Schiffe erneut der britischen Flotte und ihrer Beute. Um 16:10 gab
Duncan das allgemeine Signal, die Schiffe klar zum Gefecht zu machen. Ob
Storij gehofft hatte, er könne noch das ein oder andere Schiff
zurückerobern oder sogar einen englischen Nachzügler fassen,
um wenigstens eine prestigeträchtige Trophäe nach Hause zu
bringen, ist mir nicht bekannt. Sein kleines Geschwader aus drei oder
vier Schiffen (STATEN GENERAAL (74 - Konteradmiral Storij), LEYDEN (64 - Musquetier), CERBERUS (64 - Jacobson) und ein weiteres
Linienschiff, möglichweise aber auch nur die Fregatte HELDIN (32 -
Du Menil ) verschwand
unverrichteter Dinge im Regen wie es gekommen war.
Danach
Die
Briten erbeuteten zunächst die Linienschiffe GELIJKHEID
(64), HERCULES (64), DE VRIES (64), VRIJHEID (74),
WASSENAAR (64), JUPITER (74), HAARLEM (64), ALKMAAR
(50) und DELFT (54). Außerdem hatte sich neben der Fregatte
MONNIKENDAM (40) auch die manövrierunfähig geschossenen Fregatte EMBUSCADE
(32 - Johan Nicolas Huys) den Briten ergeben.
Die
zum Teil zwischen Wind und Wasser schwer getroffenen Prisen in
einen englischen Hafen zu bringen, sollte eine gefährliche Aufgabe
werden. Die DELFT (54) zum Beispiel erwies sich als zu schwer
beschädigt, um dem rauen Wetter der Nordsee noch zu trotzen. Sie
sank am 15. Oktober 1797 rund 30 Kilometer vor Scheveningen und
riss weitere 135 Seeleute in den Tod. Auch die MONNIKENDAM (40) erreichte
nie England. Sie endete auf einer Sandbank
vor West-Kappel und ihre englische Prisenbesatzung als die einzigen
Kriegsgefangenen, die die Holländer durch die berühmte
Seeschlacht machten.
Die
Schlacht, die man natürlich zu Recht zu den größten
Linienschiffschlachten der Koalitionskriege zählt, war jedoch auch
das kürzeste dieser berühmten Gefechte. Sie dauerte nur von
12:30 bis 15:00 und endete in einer wirklich vernichtenden
Niederlage der Niederländer. Sie war für die Briten aber auch
die blutigste Schlacht, was den Prozentsatz an Verlusten
angeht. Der Grund ist weniger in der Feuerkraft des Gegners, sondern
vielmehr in der Ausrichtung seiner Geschütze zu suchen. Mehr noch
als sogar die Briten selbst konzentrierten die batavischen Kanoniere
ihr Feuer auf den Rumpf des Gegners, während keinem
englischen Schiff auch nur eine Stenge weggeschossen wurde. Deswegen
ist die englische Verlustquote, vergleicht man sie mit den Schlachten
gegen die hochzielenden Franzosen und Spanier,
ausserordentlich hoch.
Die Zahl der Toten und Verwundeten ist aber auch bezüglich des Verlaufs der Schlacht sehr aussagekräftig: Auf
englischer Seite zeigt die Verteilung der Verluste, das beim
Angriff auf die Nachhut nur die MONARCH (74 - Vizeadmiral Onslow) mit 36 Toten und 100
Verwundeten gegen die JUPITER (74) schwerer leiden mußte. Die anderen
sieben Schiffe, die sich auf Vizeadmiral Reintjes Schiffe
stürzten, hatten zusammen nicht einmal soviel Verluste wie Onslows
Flaggschiff und dies, obwohl einige von ihnen ja auch noch in das
Gefecht um das Zentrum und die Vorhut eingriffen.
Im
Zentrum war der
englische Blutzoll dagegen hoch. Dabei war es noch nicht einmal das
schwer zerzauste und zwischen VRIJHEID (74 - Vizeadmiral De Winter) und STATEN GENERAAL (74 - Konteradmiral Storij) eingekeilte
Flaggschiff Duncans, das mit 15 Toten und 62
Verwundeten herausragte. Angesichts der Feuerkraft und der 78
Toten und 138 Verwundeten der zwei holländischen
74-Kanonen-Schiffe müsste man hier erstaunt über diese Zahlen
sein, wüsste man nicht um die Feuerüberlegenheit der
Karronaden.
Die
"Vielkämpfer" BELLIQUEUX (64 - Inglis) , TRIUMPH (74 - Essington) (74) und
BEDFORD (74 - Byard) hatten jeweils zwischen 25 und 30 Tote bzw. zwischen 41
und 78 Verwundete. Sie standen jeweils am Rande des besonders
eisenhaltigen Zentrums mit den Flaggschiffen. Ist es abwegig,
anzunehmen, das nicht wenige englische Kugeln und Ladungen auch
englische Schiffe trafen ?
Die
ARDENT (64) aber, die die ganze Schlacht
über an Backbord neben der VRIJHEID (74 - Vizeadmiral De Winter) verharrte, verlor neben
40 Toten und
107 Verwundeten auch noch ihren Kapitän Richard Rundell Burgess. Sie kassierte nicht nur
Kugeln von der VRIJHEID (74 - Vizeadmiral De Winter), sondern sammelte auch das wahrscheinlich
höchste Quantum an friendly fire. Alleine im Rumpf zählte man
98 Einschusslöcher, von den Geschossen, die in die Aufbauten oder
an Deck eingeschlagen waren, ganz zu schweigen. Die ARDENT (64 - Leutnant John
Phillips) war
folgerichtig das Schiff
mit
den höchsten Verlusten. Viele der für die VRIJHEID (74 - Vizeadmiral De Winter)
bestimmte
Ladungen waren über ihr Deck gefegt, hatten aber auch zu
Treffern in der Wasserlinie und zu Wassereinbruch geführt. Das
Schiff, das bereits seinen
Kapitän verloren hatte, hätte
deswegen fast das Schicksal der DELFT geteilt.
Die LANCASTER (64 - Wells) und die ISIS (50 - Mitchell), die
vor allem in der Vorhut kämpften, hatten dagegen zusammen "nur" 5 Tote und
weniger als 40 Verwundete. Man sieht also, das die Schlacht im Zentrum
am heftigsten tobte und das die Briten ansonsten relativ leichtes Spiel
hatten.
Warum
der Sieg so einfach war, ist ebenfalls schnell geklärt. Es war
weniger die unfreiwillige "Trafalgar-Strategie", wie die Nöte der VENERABLE (74 - Admiral Duncan)
bewiesen. Es war auch nicht, weil die Briten mit ihren Kanonen schneller
schossen - kein englischer Kapitän erwähnt hier einen
signifikanten Vorsprung seiner Geschützbesatzungen.
Ausschlaggebend war schlicht die bessere Bewaffnung, waren also die
Karronaden, die sich sich bei schwererem Kaliber schneller laden und
abschießen liessen.
Die
Gesamtzahlen der Verluste zeigen diese Feuerüberlegenheit der
Briten am
deutlichsten : Die Engländer verloren in den 150 Minuten der
Schlacht 228 Tote and 812 Verwundete, die Niederländer
hatten ohne die Ertrunkenen der DELFT 521 Tote und 852 Verwundete. Die
schwersten Verluste erlitten hier die Linienschiffe, die am
längsten kämpften: VRIJHEID (74 - Vizeadmiral De Winter), JUPITER (74 - Vizeadmiral Reintjes †), WASSENAAR (64 - Holland †) und
GELIJKHEID (64 - Ruijsch).
Vizeadmiral De Winter hatte also keine echte Chance gegen Duncans Schiffe. Dazu kam das
Pech, das der aus der Not geborene chaotische und deswegen
überraschende englische Angriff die Pläne bzw. den
Zeitplan des ehemaligen Armeegenerals durchkreuzten, was er nun
wirklich nicht vorhersehen konnte. Es
gab keinen Prä-Trafalgar-Plan, wie euphorisch man die englischen
Manöver nachher auch gefeiert haben mag und was
immer Duncan zuvor gelesen haben mag. Der schottische Admiral hatte
schlicht die Kontrolle über seine auseinandergerissene Flotte
verloren und tat aus erzwungener Improvisation, Frustration oder
Verzweiflung etwas, was ihm am Ende - neben der überlegenen
Feuerkraft seiner Schiffe - den Sieg
brachte: Er sammelte seine zersprengten Truppen im Lager des
Feindes. Dabei fand Duncan durch puren Zufall das tödliche Gift
für die konventionelle Schlachtlinie: Gleich 8 (!) englischen
Schiffe stürzten sich auf batavische Schiffe der Nachhut. Die
Briten überwältigten in relativ kurzer Zeit die JUPITER (74 - Vizeadmiral Reintjes),
die HAARLEM (64), die ALKMAAR (54) und die DELFT (54) ohne signifikante
Verluste und Schäden und rollten dann das Feld von der Nachhut her
auf. Was mag De Winter gefühlt haben, als am Ende alle Schiffe,
die aus den Pulverwolken der Nachhut heraus kamen, Engländer waren
?
Zwei englische Offiziere waren ebenfalls Verlierer der Schlacht
von Camperdown:
Da war zunächst der Prisenkommandant der eroberten Fregatte
MONNIKENDAM (40), Leutnant Philips6 von der BEAULIEU (40 - Fayerman), der die undankbare Aufgabe hatte, das
Wrack der niederländischen Fregatte, die von der MONMOUTH (64 - Walker) so
zugerichtet worden war, in einen englische Hafen zu bringen. So weit kam die MONNIKENDAM jedoch nicht mehr, sie endete auf einer Sandbank vor West-Kappel und die englische Prisenbesatzung als die wenigen Kriegsgefangenen, die die Holländer durch die berühmte Seeschlacht machten. Philips sollte sich jedoch einige Jahre später in Ostindien auszeichnen, als er das 50-Kanonen-Schiff CENTURION (50) gegen das Geschwader von Konteradmiral Linois verteidigte.
Der
größte Verlierer der Schlacht vor Camperdown sollte aber am Ende Kapitän
Williamson von der wenig engagierten AGINCOURT (64) gewesen sein. Dieser Offizier
hatte schon den berühmten Entdecker James Cook auf dessen letzter Reise
begleitet, jedoch bei dessen gewaltsamen Tod auf Hawaii eine wenig rühmliche
Rolle gespielt : Williamson hatte eines der Boote kommandiert und
schnell ablegen lassen, als der Angriff der Eingeborenen auf Cook
begann. Mag sein, daß diese 20 Jahre alte Geschichte bei der
Beurteilung seiner Person durch den eigenen Offizierstab mitschwang.
Jedenfalls landete Williamson
auf Anzeige einer seiner eigenen Offiziere, pikanterweise seines Chefs
der Marineinfanterie, vor dem Kriegsgericht. Im Kampfgetümmel
und durch den grandiosen Sieg war zunächst die Zurückhaltung
von Williamsons Schiff weder aufgefallen noch registriert worden. Die
häufigste Zeugenaussage während der Verhandlung war
tatsächlich, das
man die AGINCOURT (64 - Williamson) gar nicht wahrgenommen hatte. Doch an Bord der
AGINCOURT
muß es erhebliche Zweifel an der Führung durch und
zweifellos auch Druck auf Williamson gegeben haben. Dessen eigentliches
Verhängnis aber war es wohl, das er auf die bereits
niedergekämpfte
DELFT (54) hatte schiessen lassen. Dadurch machte er Kapitän
Walker von der
MONMOUTH (64 - Walker) auf sich aufmerksam und wohl auch zu seinem Feind. Walker fand vor dem Kriegsgericht - wie bereits erwähnt 5 -
als einziger Zeuge deutliche
Worte.
Die Verhandlung dauerte vom 4. Dezember 1797 bis zum 1. Januar 1798.
Ihre Protokolle sind auch ein Beleg für das heillose Chaos, das beim
Angriff auf die niederländische Linie herrschte. Hätte der
zaudernde Kapitän der AGINCOURT (64 - Williamson) , der wohl weniger aus Feigheit als
vielmehr aus übertriebener Befehlshörigkeit bzw. Inkompetenz
zielllos vor der Schlacht kreuzte, nicht zuletzt doch noch auf die DELFT (54)
geschossen und
dabei die MONMOUTH (64 - Walker) getroffen, er wäre wohl kaum zu überführen und zu
verurteilen gewesen. So aber endete der Prozess mit einem klaren
Schuldspruch. Willliamson wurde auf Lebenszeit aus der Royal Navy
verbannt und starb nur zwei Jahre später.
Social History of the Navy 1793-1815 Prädikat: Besonders wertvoll
von Michael Lewis Sprache:
Englisch Gebundene Ausgabe - 468 Seiten - Chatham Publishing - Erscheinungsdatum: Juli 2004
Ebenfalls
vor einem Kriegsgericht landete Konteradmiral Bloys De Treslong. Man
warf ihm Pflichtversäumnis vor, wobei ich nicht weiß,
wie genau die Anklage lautete. Bloys wurde jedenfalls seines Kommandos
enthoben, im Jahre 1808 aber rehabilitiert. Die Texel-Flotte kam so
noch 1797
unter das Kommando von Vizeadmiral Samuel Storij, der dann 1799 bei der
englisch-russischen Invasion bei Den Helder die meisten seiner Schiffe
verlor. Bei dieser Gelegenheit fielen auch die bei Camperdown
entkommenen LEYDEN (64 - De Jonge), CERBERUS (64 - Van Braam), BATAVIER
(54 - Van Senden), BESCHERMER (54 - Eilbrecht) und MARS (44 - De Bock)
in englische Hände.
Duncan
erfuhr erst bei seiner
Ankunft in Yarmouth vom gesamten Ausmaß seines Sieges. Außer der DELFT und der MONNIKENDAM erreichten alle englischen Schiffe und Prisen wohlbehalten englische Häfen.
Auf der von der
Furcht vor einer Invasion bewegten Insel wurde der Triumph von
Camperdown als Rettung vor dem Einfall der Franzosen empfunden, Duncan
als Retter der Nation gefeiert sowie mit Ehrungen (und Geld)
überschüttet. Dem alten Admiral wurde die Peerwürde mit
dem Earl-Titel verliehen, aus Adam Duncan wurde Lord Duncan of
Camperdown. Zu Ehren der Schlacht wurde ein Goldmedaille geprägt
und an die Flaggoffiziere und Kommandanten der Linienschiffe verteilt.
Ehrenbürgerschaften wurden Duncan und vielen seiner Kapitäne
zuteil , der Dank des Parlaments brachte dagegen lediglich ideellen
Gewinn. Vizeadmiral De Winter blieb nur ein paar Wochen in
Kriegsgefangenschaft, dann wurde er auf Ehrenwort zurück in die
Niederlande gebracht. Das obligatorische Kriegsgerichtsverfahren wegen
der Niederlage überstand er mit einem ehrenvollen Freispruch.
Anders als Villeneuve bei Trafalgar, Brueys bei Abukir und
Jose de Cordoba bei St. Vincent gebührte dem französischen
Niederländer die Ehre, alles Menschenmögliche getan zu haben,
um seinen Befehlen nachzukommen. Duncan gebührt die Ehre des
Sieges, weil er die zwei Jahre Blockade vor dem Texel unter
schwierigsten Bedingungen organisierte und weil er nicht in De Winters
Falle ging bzw. ihr knapp entging - aus welchen Gründen auch
immer.
Um in den Text zurückzukehren bitte auf die Nummern clicken.
1 = Der batavische Oberkommandierende sagte zu Duncan: Your not waiting to
form line ruined me: if I had got nearer the shore and you had
attacked, I should probably have drawn both fleets on it, and it would
have been a victory for me, being on my own coast.
2 = Das kleine 74-Kanonen-Schiff war mit 32-Pfündern im unteren Artilleriedeck und kurzen
18-Pfündern im Deck darüber ausgerüstet. Der Unterschied zu der mittleren und großen 74er-Klasse bestand in der Reichweite der 18-Pfünder. Die großen 74er trugen langrohrige 18-Pfünder.
3 = Das Melee ist die Schiffsformation, die die Strategie der Seeschlachten des 16. Jahrhunderts bestimmte und dabei ausgerechnet in den zahlreichen Konflikten zwischen England und den Niederlanden zur Anwendung kam. In dieser Formation gruppierten sich die Schiffe um das Flaggschiff herum und zwar davor, daneben und dahinter. Die schnelleren Schiffe führten, die langsamen blieben hinter dem Cluster. Entwickelt hatte sich diese Formation zunächst aus der Notwendigkeit, das Flaggschiff zu schützen. Später kam diese Formation den unterschiedlichen Segeleigenschaften der Schiffe entgegen und vermied Kollisionen. Mit den besseren Manövrierfähigkeiten der großen Segler verschwand diese Formation aus dem Kriegshandbuch, um vor Camperdown, unfreiwillig modifiziert, kurz wieder aufzuleben.
4 = Übrigens wurde dem zuvor als
schweigsam und kühl beschriebenen Inglis nach der Schlacht
plötzlich nachgesagt, er wäre ein temperamentvoller
Heisssporn !
5 = Walker traf die klare Aussage: " I did not see her (AGINCOURT) fire at any enemy's ship except
the Delft after she had struck, and into the Monmouth when she was
running athwart her hawse, after the action was over in the rear."
von Seeschlacht.tk (Tomas Coladores, Kiantxa Janti, Karsten Perschang, Thomas Siebe)
Sprache: Deutsch
Ausgabe: Paperback Format: 148 mm x 210 mm, 316 Seiten Druck und Vertrieb: LULU
Erscheinungsdatum: Januar 2011
Inhalt: Vorgeschichte, Ablauf, Ergebnisse und Folgen der Linienschiff-Schlachten der Koalitionskriege 1792-1815 sind das Thema dieses Buches. Neben den sechs Klassikern Trafalgar, Abukir, Ushant, Kap St. Vincent, Camperdown und Kopenhagen erzählt das Buch auch die Geschichte weniger bekannter Schlachten wie z.B. der Treffen vor Kap Ortegal, St. Domingo und Kap Finisterre. Zu den meisten thematisierten Schlachten gab es Seiten auf Seeschlacht.tk. Dieses Material stellte die Basis für diese Publikation dar.
6 = Nicht zu verwechseln mit John Phillips
von der ARDENT (64) !
7 = Viel von Crawfords Schicksal erinnert an das eines Helden des
20. Jahrhunderts. Der amerikanische Soldat Ira Hayes sollte bei der
Eroberungs Iwo Jimas 1945 im Kugelhagel die amerikanische Flagge
auf dem höchsten Berg der Insel gehisst haben, wie ein
berühmtes Foto zu zeigen schien. Hayes wurde viel geehrt, wurde
aber mit dem plötzlichen Ruhm nicht fertig, nicht zuletzt, weil
das Foto tatsächlich für die Fotografen gestellt war. Hayes
endete wie Crawford rund 130 Jahre vor ihm als Trinker und starb wie der
Held der VENERABLE (74) krank, verarmt und vergessen. Offensichtlich ist der
Pseudo-Held ein historischer Archetyp ?!
8 = In dieser Schlacht
stoßen wir auf das Kuriosum, das manche Schiffe, besonders die
der Nachhut, mehrfach kapitulierten bzw. kapitulieren mußten,
weil sie unter das Feuer verschiedener englischer Schiffe gerieten, obwohl
sie die Flagge bereits gestrichen hatten. Die WASSENAAR (64) geriet sogar unter das Feuer einer batavischen Kanonenbrigg, was sie zwang, die bereits niedergeholte Flagge wieder zu setzen. Die englischen Logbücher oder
Offiziers-Journale verzeichnen anderereits auch Kapitulationen, die gar
keine waren. Dieser Irrtum entsprang oft einer beim Feind weggeschossenen Flagge oder der Beobachtung, das das betreffende, schwer beschädigte Schiff das Feuer eingestellt hatte.
9 = Dieser Aufsatz stammte aus einem Buch von 1782 und wurde von einem Zivilisten mit Namen James Clerk aus Eldin verfasst. Duncan war Clerk als Kapitän tatsächlich begegnet. Auch soll sich das betreffende Buch in Duncans Besitz befunden haben. Ob der alte Admiral sich nach der Schlacht tatsächlich bei Clerk bedankt hat und ob die Ansprüche auf theoretischen Anteil an dem Sieg von Camperdown, die dieser daraufhin in einem Flugblatt anmeldete, tatsächlich irgendeine Grundlage hatten, ist irrelevant. Das Geschehen in der Schlacht spricht für sich und wenn Clerk kein Wahrsager war...
10 = Der uralte Typ des 60-Kanonen-Linienschiffs war zu diesem Zeitpunkt fast völlig ausgestorben. 50-60 Jahre zuvor segelten diese Schlachtschiffe noch in den Linien der damaligen Flotten.