Social History of the Navy 1793-1815 Social History of the Navy 1793-1815
Prädikat: Besonders wertvoll
von Michael Lewis
Sprache: Englisch
Gebundene Ausgabe - 468 Seiten - Chatham Publishing -
Erscheinungsdatum: Juli 2004
Chronologie der europäischen Seekriege 1793 bis 1815, Band 1, bis 1802
Chronologie der europäischen Seekriege 1793 - 1815
Band 1 : Von 1793 bis zum Frieden von Amiens 1802

von Thomas Siebe
Sprache: Deutsch Broschiert - 224 Seiten - BoD
ISBN 978-3-8423-2883-9 Erschienen: September 2010
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Beispiel-Seiten
Beispiel 1 - Beispiel 2 - Beispiel 3

 British Napoleonic Ship-Of-The-Line

British Napoleonic Ship-Of-The-Line (New Vanguard)
von Angus Konstam, Tony Bryan
Sprache: Englisch
Taschenbuch - 48 Seiten - Osprey Publishing (UK)
Erscheinungsdatum: 1. November 2001


AFRICA in Not - der dänische Kanonenbootkrieg 1808



Am 20. Oktober 1808 griff wenige Meilen südlich der Insel Amager ein Rudel dänischer Kanonenboote das englische Schlachtschiff AFRICA (64) an. Nur die hereinbrechende Dunkelheit bewahrte den Elefanten davor, von den Mäusen erwürgt zu werden. Der dänische Angriff war nicht nur der Höhepunkt eines Guerilla-Krieges zur See, den die dänische Marine aus der Not heraus entwickelt hatte, sondern auch ein einmaliges Ereignis in der Geschichte der Seekriegsführung. Wie es zu diesem Szenario kam und was sich an diesem Tag vor dem Öresund abspielte, schildern die folgenden Zeilen.

 www.seeschlacht.tk


Zur Vorgeschichte

Am 14. Oktober 1806 erlitt das preußische Heer gegen die Armeen Napoleons bei Jena und Auerstedt schwere Niederlagen und mußte kurz danach kapitulieren. Am 14. Juni 1807 gelang dem französischen Kaiser bei Friedland auch gegen das Zarenreich ein entscheidender Sieg. Die russische Niederlage beendete den 4. Koalitionskrieg Frankreichs gegen Preußen und Rußland.

Am 7. Juli 1807 einigten sich Frankreich und Rußland im Friedensvertrag von Tilsit über eine Nachkriegsordnung. In diesem Vertrag bzw. seinen geheimen Zusatzvereinbarungen teilten Kaiser Napoleon und Zar Alexander Mittel- und Nordeuropa unter sich auf.

Im neutralen Dänemark-Norwegen hatte seit dem englischen Angriff auf Kopenhagen am 2. April 1801 ein einträglicher Frieden geherrscht. Das Königreich hatte als Handelsmacht und Teilherrscherin über die Schiffpassagen in die Ostsee von den Koalitionskriegen wirtschaftlich sehr profitiert. Insbesondere der Dauerkonflikt Frankreichs mit England ließ den Handel in Dänemark blühen. Doch die profitable Neutralität brachte die Dänen nach dem Vertrag von Tilsit in eine schwierige Lage. Schon vor der französisch-russischen Einigung hatte man in Dänemark die Befürchtung gehegt, eine französische Armee könne in Jütland bzw. Holstein einmarschieren und konzentrierte dort die dänischen Landstreitkräfte. Im Juli 1807 erwarteten die Dänen tatsächlich jeden Moment einen französischen Angriff. Ein Angriff kam dann auch, doch von der anderen Seite...



Der große Flottendiebstahl

In England, das mit einer kleinen Unterbrechung im Jahre 1802 seit 1793 im Dauerkrieg mit Frankreich lag, war man sich sicher, daß Napoleon das dänische Königreich überrollen würde und hatte vor allem Sorge, daß den Franzosen die dänische Flotte und damit die Kontrolle über den strategisch bedeutenden Öresund in die Hände fallen könnte. In diesem Zusammenhang waren die Briten auch in großer Sorge um ihren zu diesem Zeitpunkt wichtigsten Bündnis- und Handelspartner Schweden.

Nach dem Vertrag zwischen Napoleon und Alexander beschloß man in London, den Franzosen zuvorzukommen und schickte unter größter Geheimhaltung eine englische Flotte in die Ostsee. Am 24. Juli verließ die Flotte unter dem Kommando von Admiral Lord Gambier den Hafen von Yarmouth. Ihr Ziel war wie schon 1801 Kopenhagen und vor allem die dort liegende dänische Flotte.

Im Gegensatz zu 1801 ging es diesmal jedoch nicht mehr um Einschüchterung des neutralen Landes. Die Briten strebten danach, Dänemark als Seemacht völlig auszuschalten. Im Ostsee-Königreich selbst hatte man offensichtlich aus den Erfahrungen des Jahres 1801 wenig gelernt, denn fast die gesamte dänische Flotte lag, zum großen Teil auch noch ungetakelt, im Hafen von Kopenhagen. Offensichtlich rechneten die Dänen nicht mit einem englischen Überfall.

Die Seeschlacht vor Kopenhagen 1801 - Nelson versus Fischer

Am 3. August 1807 erschien die englische Flotte in der nördlichen Passage des Öresund, ohne allerdings ihre Absichten zu verraten. Die dänischen Batterien von Kronenburg schoßen sogar Salut. In den nächsten Tagen ließ Admiral Lord Gambier jedoch eine Seeblockade um die Insel Seeland und die Hauptstadt Kopenhagen errichten. Damit wurde ein Entsatz Kopenhagens durch die in Holstein konzentrierten dänischen Truppen bereits im Ansatz verhindert.

Am 16. August 1807 begannen die Briten dann mit der Landung britischer Truppen bzw. von England bezahlter deutscher Söldner nördlich von Kopenhagen. Ein 30000 Mann starkes Expeditionsheer unter Lord Cathcart überwand mühelos den Versuch des Widerstands dänischer Milizen unter Leutnant Kastensjold und umzingelte die dänische Hauptstadt, deren praktisch aussichtslose Verteidigung mit höchst begrenzten Mitteln von General Ernst Henrik Peyman organisiert wurde.

Am 2. September 1807 begann nach zuvor erfolglosen Verhandlungen das wahllose Bombardment Kopenhagens sowohl von Land als auch von See her. Die Kanonade dauerte bis zum 5. September. Die Briten beschoßen die Stadt unter anderem mit Congreve-Raketen und verursachten neben zahllosen Bränden auch eine nicht geringe Anzahl an Verlusten unter der Zivilbevölkerung. Das bewußt auf zivile Ziele gerichtete Bombardment war ein Novum in der Kriegsführung. Am 7. September holten die Briten dann zum entscheidenden Schlag aus und zwangen Kopenhagens Verteidiger zur Kapitulation.

Die Niederlage kostete den Dänen fast ihre gesamte Flotte an Großschiffen (Die Anzahl der Schiffe variiert je nach Quelle - es waren jedenfalls sehr viele :-) : 15 Linienschiffe und 15 Fregatten nahmen die Engländer Ende Oktober 1807 aus dem Hafen der dänischen Hauptstadt weg. Damit nicht genug. Sie entführten auch noch mindestens 40 weitere große Schiffe und eine große Zahl kleinerer Segler, voll gepackt mit Beute, vor allem nautisches Equipment, das die Briten in Kopenhagen vorfanden: Rohholz, Masten, Teer, Kabel, Leinen etc. Gambiers und Cathcarts Männer sammelten derartig gründlich Beute, daß die Kriegs- und Handelsmarine des Königreichs fast auf Null reduziert wurde und der englische Überfall später in die dänische Geschichte als "großer Flotten-Diebstahl" einging. Lediglich ein Linienschiff, zwei Fregatten und einige kleinere Kriegschiffe, die in Häfen in Norwegen lagen, entgingen dem englischen Zugriff, wurden aber gnadenlos gejagt. Das letzte dänische Linienschiff, die PRINS CHRISTIAN FREDERIK, wurde aber auch am 22. März 1808 von den britischen STATELY (64) und NASSAU (74) vor Seeland gestellt und vernichtet.

Der Überfall auf Kopenhagen wurde in London - ein danach immer wiederkehrendes Muster in der Geschichte der Kriege - als Präventivschlag gerechtfertigt, um die dänischen Kriegsschiffe nicht in die Hände des napoleonischen Frankreich fallen zu lassen, das angeblich bereits seine Hände nach dem neutralen Dänemark ausgestreckt hatte. Der britische Angriff führte natürlich zum Kriegseintritt Dänemarks an der Seite Bonapartes. Zunächst mußten die ihrer Flotte beraubten Dänen jedoch hilflos zusehen, wie britische Kriegsschiffe und vor allem von ihnen beschützte schwedische Handelskonvois unangefochten durch den Öresund segelten.

Linienschiffschlachten 1794 - 1806 Download

Der Kanonenbootkrieg

Die Briten hatten den Dänen nicht nur die gesamte Flotte entführt, sie hatten dem Land durch die Wegnahme von Material wie z.B. ganzen Eichenstämmen auch jede Möglichkeit genommen, in absehbarer Zeit eine neue Marine aufzubauen.

Aus der Not heraus mußte die dänische Marine eine andere Art der Seekriegsführung entwickeln, die zunächst einem bewährten und bekanntem Muster folgte: Dänemark stellte Kaperbriefe gegen englische Schiffe aus bzw. natürlich auch gegen Schiffe, die Waren für England an Bord hatten. Dadurch warb man erfahrene Kommandanten, Seeleute und Kanoniere auch aus anderen Ländern.

In Ermangelung schlagkräftiger Fregatten und Korvetten konstruierten und bauten die Dänen seit Beginn des Jahres 1808 in großer Zahl einen bestimmten Kriegsschiff-Typ : Kanonenboote. Dabei handelte es sich um 65 Fuß (fast 20 Meter) lange Ruderboote mit einer Besatzung von 60 bis 80 Mann, die 18 Riemen oder mehr besetzten. Sowohl am Bug wie auch am Heck führten diese sogenannten Kanonenschaluppen eine Achtzehnpfünder- oder sogar Vierundzwanzigpfünder-Kanone. Ein kleinerer Typ, die 46 Fuß (14 Meter) lange Kanonenjolle, trug lediglich einen Vierundzwanzigpfünder. Natürlich konnten diese Boote auch einen Mast aufstellen und sich dann segelnd fortbewegen, um ihre Position schneller zu wechseln. Einer der Vorteile dieser Schiffsklasse war die Möglichkeit zur schnellen und massenhaften Produktion der Boote.


Eine dänische Kanonenschaluppe vom selben Typ, wie die Boote, die die AFRICA attackierten

Mit diesen Kanonenbooten entwickelten die Dänen also neue Strategien im Seekrieg gegen die Briten und Schweden: Sie attackierten Handelskonvois - natürlich am erfolgversprechendsten bei Windstille oder wenig Wind - mit Rudeln kooperierender Kanonenboote, deren Taktiken auf die Bedingungen vor der dänischen Küste zugeschitten waren. Eine Grundlage dieser Strategien bildete ein schnell geschaffenes landgestütztes Semaphor- oder Sicht-Telegraphen-System auf Seeland und an der norwegischen Küste, das die Kaperkommandanten schnell über herannahende britische und schwedische Konvois bzw. Schiffe informierte und gegebenenfalls die Konzentration von Kräften erleichterte.

Da zu Beginn des Jahres 1808 die Konvois in der Ostsee selten größeren Geleitschutz hatten, machten die dänischen Kanonenboote gleich bei ihren ersten Einsätzen reiche Beute. Britische und schwedische Handelsschiffe fielen ihnen besonders im Öresund und vor der Südwestküste Norwegens zum Opfer.

Am 16. Mai 1808 zeigte sich dann erstmals, daß die dänisch-norwegischen Kanonenboote durchaus gefährliche Gegner für größere Kriegsschiffe sein konnten, insbesondere bei ungünstigen Wind- und /oder Raumverhältnissen: Die englische Fregatte TARTAR (32) unter dem Komando von Kapitän Bettesworth hatte in der Nacht zum 16. Mai versucht, mit ihren Booten die beschädigte holländische Fregatte GUELDERLAND aus dem Hafen von Bergen herauszuholen. Als die Boote der TARTAR in Schwierigkeiten gerieten, kam Bettesworth seinen Männern zur Hilfe. Die englische Fregatte geriet jedoch an eine dieser neuartigen Flottillen, die zur Verteidigung des Holländers herangeeilt war. Die TARTAR konnte nur knapp der einen Kanonenschaluppe und den drei Kanonenjollen unter dem Kommando von Leutnant Johan Bielke entkommen. Das große Schiff erlitt jedoch schwere Verluste und verlor auch seinen Kapitän, der im Feuer der Kanonenboote fiel.

Der Juni des Jahres 1808, ein Monat mit eher wenig Wind in der Region, wurde dann auch zu den erfolgreichsten Wochen für die Dänen auf See. Neben zahlreichen Prisen gingen den Kanonenbootrudeln erstmals auch britische Kriegschiffe in die Wetter-Falle: Die englischen Briggs TICKLER (14), TURBULENT (16) und SEAGULL (16) wurden vor Norwegen, im Öresund und im Belt erobert. Die ansonsten schnellen Segler waren bei annähernder Windstille oder Flaute den schnellen Ruderbooten hilflos ausgeliefert. Weil diese Kriegsbriggs fast ausschließlich mit Karronaden, also Nahkampfwaffen, ausgestattet waren, deren Wirkungs-Reichweite stark begrenzt war, waren die ansonsten überlegenen Breitseiten der englischen Kriegsschiffe den Kanonen der Dänen unterlegen. Dazu pflegten die Kanonenboote offene, weit auseinandergezogene Formationen und waren deswegen für die wenigen englischen Kanonen kaum zu treffen.

Das erste größere englische Kriegsschiff fiel den Dänen am 4. Juni im Großen Belt in die Hände. Die 175-Tonnen-Brigg TICKLER (14) war neben zwölf 18-Pfünder-Karronaden mit zwei 6-Pfünder-Kanonen bewaffnet. Sie geriet in eine Flaute, wurde gesichtet und angegriffen. Weil sie nicht flüchten konnte, schoßen die dänischen Kanonen ihr mühelos die Masten weg und nahmen sie dann so lange unter Feuer, bis sie die Flagge strich. Immerhin gelang ihrem kleinen Handelskonvoi aber die Flucht.

Der nächste dänische Paukenschlag war die Eroberung der britischen Kriegsbrigg TURBULENT (16) und einer Reihe von Handelsschiffen vor dem Öresund: Am 9. Juni 1808 stand vor Malmö, wenige Meilen südlich der Insel Saltholm, ein Konvoi von rund 70 Handelsschiffen, gedeckt von 6 englischen Kriegsbriggs und Mörserschiffen, u.a. der THUNDER. Lediglich die 180-Tonnen-Brigg TURBULENT (16) unter dem Kommando von Leutnant George Wood bildete die Nachhut. Durch das Semaphor-System wußten die Dänen in Kopenhagen um Position und Stärke sowie Eskorte des Konvois. Bereits am Morgen war der Wind mehrfach eingeschlafen und auf der dänischen Seite des Öresund hatte der Kommandant der Kanonenbootflottillen, Kapitän Johan Cornelius Krieger, die idealen Bedingungen für einen Angriff bereits erkannt.

Kapitän Johan Cornelius
Krieger
Kapitän Johan Cornelius Krieger 1756 - 1824

In der Nacht hatte der spätere Kommodore zunächst in Kopenhagen eine große Flottille versammelt und dann nach Drager auf der Insel Amager geführt. Von dort griff Krieger am Morgen die schwächere Nachhut des bekalmten Konvois an. Die TURBULENT versuchte verzweifelt, die ihr anvertrauten Schiffe zu schützen und Widerstand zu leisten, doch ihre wesentliche Bewaffnung bestand wie die der TICKLER aus 18-Pfünder-Karronaden, die auf größere Distanz praktisch wirkungslos waren. Auch mit den weiter tragenden vier Sechspfünder-Kanonen hatte Wood gegen die 24-Pfünder der anlaufenden Kanonenboote keine Chance.

Leutnant James Caulfield, der Kommandant der THUNDER, ließ die Ruder ausbringen und versuchte die TURBULENT zu erreichen. Er risikierte dabei sein Schiff. Als er aber sah, daß seine Brigg unter den Rudern nur schwerfällig vorankam, versuchte Caulfield, die TURBULENT und die Handelsschiffe durch ein Sperrfeuer aus Mörsern zu schützen. Aber selbst die Granaten der Mörser-Brigg , die freilich aus sehr großer Distanz abgeschoßen wurden, konnten den Angriff Kriegers nicht hemmen. Die beweglichen dänischen Boote stellten sehr schwer zu treffende Ziele für jedes Geschütz dar.

Die TURBULENT, selbst mit der provisorischen Möglichkeit zu rudern ausgestattet, versuchte am Ende diese Möglichkeit noch für ihre Flucht zu nutzen, wurde aber von Kriegers Booten abgeschnitten und schließlich geentert. Die THUNDER entkam in letzter Minute mit ihren Rudern, mußte jedoch den Verlust von zwölf Handelsschiffen hilflos in Kauf nehmen. Am 11. Juni 1808 wurde Johan Krieger zum Kommodore befördert. Die dänische Flottille, die so erfolgreich agierte, sollte dann später sogar noch einen viel dickeren Fisch an der Angel haben.

Das größte Kriegsschiff, daß den dänischen Kanonenbooten zum Opfer fiel, war die 380 Tonnen verdrängenden brigg-sloop SEAGULL (16), die am 19. Juni 1808 vor Kristiansand von einer Kanonenbootflottille unter Führung der dänischen Brigg LOUGEN (14 – Kapitän Wulff) erobert wurde. Die SEAGULL wurde schwer beschädigt und konnte gerade noch flache Gewässer erreichen, bevor sie sank. Die Dänen hoben das ehemals britische Schiff aber wieder und gliederten es, wie schon zuvor die TICKLER und die TURBULENT, in ihre Marine ein.

Michael Calvert, Peter Young - A Dictionary of Battles: 1715-1815.

Die AFRICA

Am 29. Februar 1808 hatte Dänemark auch dem Königreich Schweden den Krieg erklärt. In Schweden und England befürchtete man nun, daß eine französische Armee nach Norwegen übergesetzt werden könnte, um von dort in Schweden einzufallen. Immerhin hatten die Franzosen inzwischen eine größere Armee unter General Bernadotte in Dänemark stationiert. Für den o.g. Fall wurde die englische Flottenpräsenz in der Ostsee verstärkt. Neben anderen Linienschiffen wurde im April 1808 auch das Schlachtschiff AFRICA unter dem Kommando von Kapitän H. W. Bayntun in den hohen Norden geschickt.

Die AFRICA war ein für 64 Kanonen gebauter Zweidecker ( zwei Artilleriedecks ), der 1781 vom Stapel gelaufen war. Das Schlachtschiff dritter Klasse (third rate) führte im untersten Artilleriedeck 26 Vierundzwanzigpfünderkanonen, im Deck darüber ebensoviele Achtzehnpfünder. An Deck selbst standen 12 Neunpfünderkanonen. Darüber hinaus verfügte die AFRICA über 10 Karronaden, kurzläufige und sehr bewegliche Nahkampfwaffen auf Schienen, die 32-pfündige bzw. 18-pfündige Ladungen verschießen konnten. Das 1800 Tonnen-Schiff verfügte all inclusive über eine Besatzung von rund 520 Mann und mußte unter normalen Umständen kein feindliches Schiff in der Ostsee fürchten.

Die HMS AFRICA im Modell, Baujahr 1781
Die HMS AFRICA im Modell

Die AFRICA lief zunächst Göteborg an, wo die englischen Schiffe eine Armee unter dem Kommando von Sir John Moore an Bord nahmen. Moores Armee sollte gegebenenfalls in Norwegen eingesetzt werden. Am 17. Mai hatten die Schiffe rund 10000 Mann eingeschifft und liefen in die Ostsee, wo sie in Erwartung des französischen Norwegen-Unternehmens kreuzten. Im Juli 1808 gab es dann aber keine Indizien mehr, die auf die o.g. französische Invasion hindeuteten und Moores Männer wurden nach England zurückgebracht. Im selben Monat erkrankte Kapitän Bayntun von der AFRICA und Kapitän John Barrett übernahm das vakante Kommando. Barrett, Kapitän seit 1795, hatte 1807 zunächst das Kommando über die MINOTAUR (74) bekommen, die zu diesem Zeitpunkt das Flaggschiff von Konteradmiral Keats war. Im August 1808 wechselte er dann auf sein neues Schiff. Einer der ersten Aufgaben für den neuen Kommandanten der AFRICA war die Eskorte eines großen Konvois, der am 15. Oktober aus Karlskrona auslief und Kurs auf den Öresund setzte.



Kanonenboote gegen Schlachtschiff

Am 19. Oktober 1808 meldete der Sicht-Telegraph in Kopenhagen einen großen Konvoi von weit über 100 Schiffen, der sich aus Karlskrona kommend Richtung Malmö bewegte. Es war einer der letzten großen Ostsee-Konvois des Jahres, der unter dem Schutz der AFRICA, des Mörserschiffes THUNDER und zweier schwedischer Kriegsbriggs stand. Der Konvoi wurde in Kopenhagen schon seit geraumer Zeit erwartet, die Dänen hatten sich entsprechend vorbereitet. Kommodore Krieger hatte seine Kanonenboot-Flottille, die ja schon die TURBULENT eroberte hatte, seit Anfang des Monats in permanenter Bereitschaft gehalten. Die Dänen kannten das Wetter vor und im Öresund genau und rechneten sich gute Chancen aus, dem Konvoi erheblichen Schaden zufügen zu können. Die Meldung, daß neben zwei Kanonenbriggs und einem Mörserschiff auch ein englisches Linienschiff als Bedeckung segelte, löste bei Krieger keinerlei Besorgnis aus. Bei gutem Wind würde er mit seinen Kanonenbooten ohnehin nicht angreifen können, bei schwachem Wind oder Flaute aber könnte man das weithin sichtbare und vor allem unbewegliche Linienschiff ohnehin wie eine Insel umfahren. Krieger und seine Männer waren in jedem Fall entschlossen, auch größere Risiken einzugehen, um diesen letzten Konvoi des Jahres anzugreifen.

Um die Chancen eines Angriffs zu erhöhen, beschloß der Kommandant, bereits in Drager eine größere Flottille in Bereitschaft zu halten und sich selbst dorthin zu begeben. Er rechnete damit, daß der Konvoi erst am Morgen in den Öresund vorstoßen würde. Dies erwies sich aber als eine Fehleinschätzung, die den Dänen viel Prisengeld kosten sollte. Zu den in Drager ohnehin stationierten 5 Kanonenschaluppen stießen zwar noch am Abend des 19. Oktober weitere 12 Kanonenboote unter Krieger, in der Nacht erreichten sogar noch eine Handvoll Kanonenjollen und zwei mit Mörsern bewaffnete Barkassen die Flottille – der Konvoi jedoch stand zu diesem Zeitpunkt schon fast in der Fahrrine südöstlich vor Saltholm.

Der Wind war am Abend bereits sehr schwach, was der englisch-schwedische Konvoi ebenfalls zu spüren bekommen hatte. Die Handelsschiffe hatten sich, dicht an die schwedische Küste gedrängt, noch in der Nacht bis kurz vor die Einfahrt in den Öresund gequält, mußten dann aber doch die Anker werfen. Die AFRICA, die darauf bedacht gewesen war, zwischen dem Konvoi und dem dänischen Ufer zu bleiben, hatte noch weniger Raum ersegeln können und stand noch weit weg südlich von Amager. Der Wind reichte nicht mehr aus, um den Zweidecker in Fahrt zu halten. Kapitän Barrett ließ schließlich ankern, weil die AFRICA sonst noch mehr Raum verloren hätte. Das Schlachtschiff war zu diesem Zeitpunkt isoliert, die anderen Kriegsschiffe hatten sich dagegen dicht am Konvoi halten können. Auch der Tender des Linienschiffes, eine Art Versorgungsschiff, befand sich mitten in der Masse der schwedischen und englischen Schiffe.

Am Morgen des 20. Oktober war das Wetter zunächst diesig, eine kleine Morgenbrise kam aus Südwesten. Von Drager aus war die südlich ankernde AFRICA deutlich zu erkennen und die Dänen vermuteten den feindlichen Konvoi ebenfalls viel weiter südlich. Erst als das Wetter aufklarte, konnten Krieger und seine Männer auch den Mastenwald auf der anderen Seite des Sundes sehen. Krieger begriff nun, daß er sich verschätzt hatte, erhoffte sich aber noch eine Chance, trotz der leichten Brise doch noch zum Zuge zu kommen, wenn er den Sund überquerte.

Der südliche Öresund

Vermutlich wußte der dänische Kommandant aus jahrelanger Erfahrung, daß die Morgenbrise wieder einschlafen würde. Er ließ seine 25 Boote sofort auslaufen und Kurs auf den Konvoi halten. An Bord der AFRICA wiederum waren die dänischen Kanonenboote und ihr Kurs gut zu erkennen und ihr Ziel natürlich leicht zu erraten. Es war 12:30, als Kapitän Barrett befahl, den Anker zu lichten. Er nützte die erwähnte Brise aus Südwesten, um sein Schiff in Bewegung zu setzen. Barretts Absicht war, sich in den Sund hochzukreuzen und dem Konvoi gegen die Kanonenboote zur Hilfe zu kommen. Dies wäre vermutlich aber gar nicht nötig gewesen, denn der Wind, der die AFRICA anschob, erreichte auch den Konvoi, der auf diese Weise in den Sund und dicht unter Land schlüpfen konnte. Dort, hinter sich die Kanonen von Malmö und vor sich die Breitseiten und Mörser der THUNDER und der beiden Kanonen-Briggs, waren die Handelsschiffe in Sicherheit.

Krieger konnte es nicht riskieren, seine Flottille zu nah an das schwedische Ufer zu rudern, doch der tückische Öresund schenkte ihm eine ganz andere Gelegenheit. Die Südwestbrise schlief nämlich tatsächlich wieder ein und die AFRICA blieb buchstäblich im Wasser stehen. Der Schiffsriese bewegte sich keinen Zentimeter, das Steuer hatte keinerlei Widerstand mehr.

Zunächst bereitete dieser Umstand Kapitän Barrett keine großen Sorgen, denn er konnte ja erkennen, daß seine Schutzbefohlenen vor Malmö in Sicherheit waren. Es war 13:00, als die Kanonenboote eine neuen Kurs aufnahmen. Auf der anderen Seite hatte Krieger inzwischen nämlich erkannt, daß er an diesem Tag Geschichte schreiben konnte. Die Erfahrung sagte dem Dänen, daß seine Boote an diesem Tag das Wetter für längere Zeit auf ihrer Seite haben würde. Außerdem waren zu Kriegers Flottille inzwischen, von Kopenhagen kommend, weitere Kanonenschaluppen und Jollen gestoßen.

Nicht nur der fehlende Wind eröffnete Krieger und seinen Männern diese Chance, es war auch höchst ungewöhnlich, daß ein Linienschiff derartig isoliert in einer viel befahrenen Wasserstraße stand. Dies ließ den dänischen Kommandaten das zuvor wohl Undenkbare in Erwägung ziehen: Ein unbeschädigtes Linienschiff mit Kanonenbooten anzugreifen.

Die dänische Kanonenbootflottille hatte sich in dem Bemühen, den Konvoi noch zu fassen, zu einer weit auseinandergezogenen Linie geformt. Krieger teilte seine Kanonenboote nun in zwei Gruppen: Die noch relativ weit westlich stehenden Boote, vor allem Kanonenjollen und Barkassen, steuerten Südwestkurs, Kriegers weiter östlich stehenden Kanonenboote, darunter mindestens 12 Schaluppen, ruderten ihre Boote von nun an auf einem südlichen Kurs. Die Kurslinien sollten die beiden Flottillen zu gedachten Punkten rund 1 Meile vor den Bug und hinter das Heck des englischen Linienschiffes bringen. So beabsichtigte der dänische Kommandant die Breitseiten des englischen Schlachtschiffes zu umgehen.

Es ist nicht bekannt, ob Kapitän Barrett zu diesem Zeitpunkt die Absichten der Dänen erkannte. Möglicherweise konnte er sich aber tatsächlich einen Angriff gar nicht vorstellen, hätte andererseits aber auch nur wenig dagegen tun können. Immerhin: Der Bug der AFRICA zeigte nach Ost / Nordost, mit den ausgebrachten Beibooten hätte man ihn wohl herumwerfen können, um mit den waffenstarrenden Breitseiten des Schlachtschiffes die Kanonenboote immer bedrohen zu können. Dies hätte ihre Annäherung zum Bug und Heck de AFRICA zumindest verzögert oder erschwert.

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Vielleicht erkannte Barrett die Gefahr tatsächlich erst, als Kriegers Flottille ihre angesteuerten Wendemarken erreichten und nun den Kurs auf das Heck bzw. den Bug der AFRICA nahmen. Dies war ca. um 15:00. Erst jetzt schien der englische Kapitän die Gefahr zu ahnen, denn an Bord der AFRICA setzte heftige Aktivität ein. Die Engländer ließen ihre beiden Kutter und die Jolle zu Wasser und nahmen die AFRICA in Schlepp, um ihre Breitseiten herumzubringen und auf den Gegner zu richten. Diese Maßnahme erwies sich jedoch als zu spät, denn die Kanonenboote eröffneten bereits in ihrer Annäherung der Annäherung das Feuer. Die Kanonen der AFRICA andererseits waren noch nicht in der Lage, den herannahenden Gegner zu fassen.

Und die Dänen blieben im Glück: Es war entweder ein Volltreffer oder mehrere Treffer der Dänen, die einen der Schleppkutter der AFRICA zum Sinken brachten und auch die ersten Verluste unter den britischen Seeleuten verursachten. Die verbliebenen Boote versuchten zwar ihr möglichstes, brachten aber vermutlich zu wenig Kraft an die Leinen, um das riesige Linienschiff zu bewegen und noch etwas bewirken zu können. Im Verlaufe des Gefechtes wurden auch sie dann entweder beschädigt oder versenkt.

Damit war die AFRICA nun fast wehrlos und ohne Aussicht auf Hilfe dem Beschuß der Kanonenboote ausgeliefert. Lediglich zwei Neunpfünder am Heck des Schlachtschiffes erwiderten das Feuer der Dänen und einer der beiden vordersten Vierundzwanzigpfünder am Bug bekam zeitweise ein dänisches Boot vor dem Bug in die Schußlinie, doch die Dänen näherten sich in einer auseinandergezogenen Formation und selbst für eine Breitseite der AFRICA wäre es auf größere Distanz schwer gewesen, Treffer zu erzielen. Je mehr sich die Distanz verringerte, desto schwieriger wurde der Schußwinkel für die englischen Kanonen am Bug und desto näher lag aber das Feuer der dänischen Vierundzwanzigpfünder, deren Geschosse bereits durch die englische Takelage rauschten.

Etwa 750 Meter vor dem Heck der AFRICA verhielten die beiden Barkassen mit den Mörsergeschützen, doch an Bord eines der Boote mußte man enttäuscht feststellen, daß die Zündschnüre der Mörsergranaten einfach nicht brannten, weil sie entweder schadhaft oder nass geworden waren. Somit konnte einer der Mörser nicht in den Kampf eingreifen. Die Zündschnüre der Granaten auf dem anderen Boot dagegen waren unzuverlässig. Sie brannten entweder viel zu langsam, so das sie bei Treffern auf dem Linienschiff von den Engländern entschärft werden konnten, dann wiederum viel zu schnell, so das die Granaten mehrfach weit über der AFRICA explodierten. Und um das Unglück dieses Bootes vollkommen zu machen, war es zuvor mit einem der Kanonenboote kollidiert und leck geschlagen. So mußte während des Beschußes auch eifrig gelenzt und gepumpt werden. Nachdem alle Granaten ohne nennenswerten Erfolg verschossen waren, ruderte die Besatzung enttäuscht nach Amager zurück, ohne das Ende des Kampfes abzuwarten.

74 Gun Ship Bellona
Anatomy of the Ship

von Brian Lavery
Sprache: Englisch
Gebundene Ausgabe
120 Seiten
Erscheinungsdatum: April 2003 beim Brassey-Verlag
Maße: 25,4 x 24 cm


Der Text enthält (fast) alles Wichtige, was man über eines der ersten 74-Kanonen-Schiffe des 18. Jahrhunderts wissen muß. Trotzdem besteht das Buch größtenteils aus Fotos, Zeichnungen und Bauplänen. Diese vermitteln dem Betrachter ein wunderbares Bild des Schiffstypes , mit dem Lord Nelson später bei Trafalgar siegen sollte. Für Liebhaber ist dieser Band ein must have.
 74 Gun Ship Bellona (Anatomy of the Ship)

In einer Distanz von 500 bis 700 Metern von der AFRICA stoppten die dänischen Kanonenboote. Dadurch vermieden sie, in die Wirkungsreichweite der englischen Karronaden zu gelangen. Von nun an nahmen die Dänen das fast wehrlose englische Kriegsschiff planmäßig unter Feuer: Die mit Achtzehnpfündern und Mörsern bewaffneten Boote zielten ausschließlich auf die Masten und die Takelage, während die schwereren Geschütze der Dänen ihre Kugeln streuten. Auf dem Linienschiff selbst gab es die ersten Toten, eine Achtzehnpfünder-Kanone wurde von der Lafette geschoßen und der Vormast wurde schwer getroffen. Am Heck gingen die Fenster der Galerie zu Bruch und eine Stenge des Besanmastes wurde zersplittert. Kapitän Barrett blieb zwar äußerlich völlig gelassen, war sich aber natürlich wie jeder Mann an Bord darüber im Klaren, daß nur der Wind die AFRICA jetzt noch würde retten können.

Nach einer Stunde Dauerfeuer verschwand auf dem Linienschiff plötzlich die Flagge und an Bord der Kanonenboote war lauter Jubel zu hören. Die Dänen gingen davon aus, daß die AFRICA kapituliert hatte, die Briten erklärten aber später, die Flagge sei weggeschossen worden. Letzteres kam in der Tat häufig in den Gefechten dieser Zeit vor, weil Fahnen, Wimpel und Stander häufig durch fallende Teile der Takelage mitgerissen wurden. Diese Umstände ereigneten sich aber nicht nur oft, sie wurden auch entsprechend oft ausgenützt: Man ließ sich z.B. im Falle des Falles ziemlich viel Zeit, die Flagge wieder aufzuziehen, um den Gegner zu verwirren, zu täuschen oder sogar in eine Falle zu locken. Nicht selten handelte es sich auch um eine Kriegslist von Seiten der Partei, auf deren Schiff die Flagge verschwunden war. Die Flagge wurde zum Zwecke der Täuschung dann und wann tatsächlich von der eigenen Besatzung heruntergerissen.
Auf der anderen Seite wurde eine de facto weggeschossene bzw. durch Teile der Takelage mitgerissene Flagge von der anderen Seite oft als Argument für Ansprüche angeführt, z.B. mit der Begründung, der Gegner habe ja kapituliert (Beispiel: Die FLORE bei Lissa ) und müße folglich das Schiff übergeben. Nach den Kriegsregeln und dem Ehrenkodex der damaligen Zeit war eine Kapitulation in der Tat - zumindest ohne hinreichenden Grund - nicht rückgängig zu machen und ein Schiff, daß einmal die Flagge gestrichen hatte, gehörte dann dem Gegner (Beispiel: Die SØLLAND vor Kopenhagen1801 ).

So mag es möglich sein, daß man an Bord der AFRICA zu dieser (umstrittenen) Kriegslist gegriffen hatte. Die Dänen jubelten angesichts der verschwundenen Flagge, stellten das Feuer ein und näherten sich der AFRICA, um sie zu entern. Jedoch, die Dänen hatten nur wenige Ruderschläge gemacht, als ihnen von der Heckseite des Linienschiffes kommend schon wieder die Neunpfünderkugeln über die Köpfe pfiffen (Merke: Neunpfünder pfeifen, Achtzehnpfünder heulen). Krieger ließ daraufhin wieder die ursprünglichen Positionen ansteuern und das Feuer wurde wieder eröffnet. Da die Dänen sich später nicht beklagten, darf man annehmen, daß sie durch diesen Vorfall keine Verluste erlitten, sondern lediglich Zeit verloren. Eine der Kanonenjollen muß aber gegen Abend dann doch noch einen oder mehrere Treffer bekommen haben, sei es durch die Neunpfünder am Heck der AFRICA oder durch den nur zeitweise einzusetzenden Vierundzwanzigpfünder am Bug. Das Boot mit rund 50 Mann sank jedenfalls blitzschnell und wer von der Besatzung nicht schleunigst ein anderes Boot erreichte und aus dem eiskalten Wasser der Ostsee gefischt wurde, ertrank.

Vielleicht hatten die Briten zu diesem Zeitpunkt endlich einen oder zwei der hintersten Achtzehnpfünder am Heck in Stellung bringen können. Allerdings wird über ein derartiges, durchaus übliches Manöver nicht berichtet. Wenigsten blieben die Kanonenboote am Heck der AFRICA unbeeindruckt durch die wahrscheinlich ersten Verluste des Tages und bombardierten weiter den Engländer, um ihn endlich zu entmasten. Dort waren inzwischen tatsächlich alle Masten schwer angeschlagen, einige Spieren verloren gegangen, das Heck war völlig zerschossen und der obere Teil des Ruders beschädigt. Wäre die AFRICA wirklich völlig entmastet worden, hätte sie selbst die Dunkelheit nicht mehr retten können. In den Kanonenbooten saßen ja insgesamt zwischen 1500 und 1600 Mann, die sich sicherlich auch durch das Feuer der Karronaden nicht mehr hätten zurückschlagen lassen. Die AFRICA wäre wahrscheinlich erobert worden.

Brian Lavery - The Ship of the Line. Vol. I: The development of the battlefleet 1650 - 1850.


Um ca 18:00 flog den Briten dann die Flagge zum zweiten Male weg und wieder näherten sich Kriegers Männer unter großem Jubel, um Minuten später doch wieder zurückzurudern. Die Dämmerung war inzwischen hereingebrochen und das Schicksal der AFRICA stand auf des Messers Schneide. Kapitän Barrett, inzwischen selbst durch Splitter an Wange und Schulter verwundet, warf wahrscheinlich mehr als einen besorgten Blick auf die erschütterten Masten seines Schiffes und sehnte natürlich die Dunkelheit herbei, die erfahrungsgemäß eine Brise oder sogar dauerhaften Wind brachte. Barrett war sicherlich klar, daß allein die Dunkelheit die AFRICA noch nicht in Sicherheit bringen würde, vor allem nicht dann, wenn das Linienschiff doch noch entmastet werden würde.

Aber die Engländer hatten zum ersten Mal an diesem ausgehende Tag Glück: Um ca. 18:30 kräuselte tatsächlich eine kleine Brise das Wasser und ein Auffrischen dieses Windes schien kurz bevor zu stehen. Alle Masten des englischen Linienschiffes standen noch, die AFRICA begann sich langsam zu bewegen.

Krieger wußte nun, daß er das Linienschiff nicht mehr würde niederzwingen können. Seine Männer auf den Booten waren überdies völlig erschöpft und natürlich mußte der dänische Kommandant trotz Dunkelheit und Beschädigungen die AFRICA durchaus noch fürchten, hätte der Wind noch zugenommen. So gab Krieger schließlich den Befehl zum Rückzug und ließ auf seinen Booten die Masten aufrichten. Schnell konnten sich die kleinen Boote zum dänischen Ufer hin absetzen. Die Briten konnten den Rückzug der Kanonenboote noch beobachten, bevor die Dunkelheit hereinbrach. Die AFRICA war gerettet.

Das letzte Gefecht der GLORIOSO

Danach

An Bord der AFRICA gab es 9 Tote, 5 Männer wurden vermisst und 46 Männer wurden verwundet. Das Linienschiff selbst war stärkerem Wind nicht mehr gewachsen, denn alle Masten waren durch den Beschuß schwer angeschlagen. Auch der Rumpf hatte großen Schaden genommen. Kugeln waren auch in der Wasserlinie eingeschlagen und hatten zu starkem Wassereinbruch geführt. Die ganze Nacht verbrachte die Besatzung mit der provisorischen Beseitigung derjenigen Schäden, die mit Bordmitteln repariert werden konnten.

Die AFRICA mußte trotzdem nach Karlskrona zurückkehren und dort notdürftig für die Heimreise nach England zusammengeflickt werden.
Ihr Kapitän John Barrett führte sie bis 1810 und übernahm dann wieder die MINOTAUR, doch er blieb ein Mann ohne Glück: Als die MINOTAUR am 10. Dezember 1810 vor der Insel Texel scheiterte und sank, war ihr Kapitän unter den Opfern.

Kriegers Kanonenbootflottille verlor bei dem Angriff auf das Linienschiff eine Kanonenjolle und hatte vermutlich größere Verluste als die Engländer. Die Angaben schwanken zwischen 12 bis 25 Toten und Vermissten. Die Dänen, namentlich Krieger mit seinen Booten, waren nach 1808 zwar weniger erfolgreich im Kapergeschäft und hatten nie wieder Gelegenheit, ein Linienschiff zu attackieren, bereiteten den Briten in der Ostsee im Rahmen ihrer Möglichkeiten aber weiter Probleme und Sorgen. So lieferten sich die britischen Fregatten MELPOMENE und TRIBUNE blutige, unentschiedene Kämpfe mit Kanonenbootrudeln und so manches kleinere englische Kriegsschiff fiel den Schaluppen und Jollen zum Opfer, ganz zu schweigen von den zahlreichen Handelsschiffen.

Der Handels-Konvoi des Oktober 1808 aber entkam allen feindlichen Belästigungen und setzte am 25. Oktober 1808 seine Reise durch den Sund unbehelligt fort. Als die Schiffe England erreichten, war lediglich vier von ihnen durch Havarien verloren gegangen.

Der Angriff auf die AFRICA war und blieb das einzige Ereignis dieser Art und war am Ende doch nur eine Marginalie des Krieges, der noch bis 1814 dauerte. Was mit dem „großen Flottendiebstahl“ eingeleitet wurde – nämlich die Verdammung des dänischen Königreichs zur politischen Bedeutungslosigkeit im Europa des beginnenden 19. Jahrhunderts - wurde mit dem Ende des Krieges 1814 manifestiert. Dänemark verlor ganz Norwegen an Schweden und mußte die Insel Helgoland an England abgeben.


 Historischer Schiffsmodellbau

Historischer Schiffsmodellbau
von Philip Reed
Sprache: Deutsch
Broschiert - VTH
Der Modellbauer Phillip Reed dokumentiert in diesem Buch anhand von 384 SW-Fotos den Nachbau der bei Abukir beteiligten MAJESTIC (74). Dabei stützt er sich auf alte Pläne und verrät viele Tricks, z.B. wie er Kanonenkugeln anfertigt. Das Buch ist wohl besonders reizvoll für erfahrene Modellbauer, die die MAJESTIC ebenfalls nachbauen wollen und vielleicht den ein oder anderen Kniff noch nicht kennen.

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