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The Naval Chronicle: The Contemporary Record of the Royal Navy at War, |
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Chronologie der europäischen Seekriege 1793 - 1815 Band 1 : Von 1793 bis zum Frieden von Amiens 1802 von Thomas Siebe Sprache: Deutsch Broschiert - 224 Seiten - BoD ISBN 978-3-8423-2883-9 Erschienen: September 2010 Bei AMAZON bestellen Mehr Infos Beispiel-Seiten Beispiel 1 - Beispiel 2 - Beispiel 3 |
Kapitän Henry Blackwood - Die frühen JahreEine kleine Biografie 1770 - 1798 |
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1. Ein Kind auf See
Die Blackwood-Familie stammte ursprünglich aus Schottland und siedelte sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts im County Down, Nordirland, an. Die Blackwoods strebten mit einigem Erfolg nach der Ansammlung von Landbesitz, politisch günstigen Verbindungen und gesellschaftlichem Aufstieg. Die Verleihung der Baronetswürde 1763 an John Blackwood war deswegen nur ein Meilenstein in der Karriere des Clans, der später einmal z.B. einen Generalgouverneur von Kanada und einen Vizekönig von Indien hervorbringen sollte. Überdurchschnittlicher Ehrgeiz war in dieser Familie Pflichtprogramm.
Auch für das Kind, das am 28. Dezember 1770 in Ballyleidy, Irland zur Welt kommt, ist die Kindheit programmgemäß schnell zu Ende. Henry ist allerdings nur der vierte Sohn des irischen Baronets Sir John Blackwood und dessen Frau Dorcas. Auf dem heimatlichen Gut gibt es deswegen für den Nachkömmling nichts zu erben. Einer seiner älteren Brüder schlägt die in diesem Fall für den Zweitgeborenen übliche Karriere eines Geistlichen ein, der andere geht zum Militär. Für Henry bestimmt der Vater eine Laufbahn in der Marine. Möglicherweise ist dies sogar der Wunsch des Jungen, denn zu dieser Zeit verschlingt er höchstwahrscheinlich wie viele seiner Altersgenossen Daniel Defoes Robinson Crusoe. Dieser zu dieser Zeit in England erscheinende Roman hat nachweislich viele Jungen dieser Generation beeinflußt und in ihnen den Wunsch geweckt, zur See zu fahren.
Im Februar des Jahres 1781 macht sich der Zehnjährige auf den Weg nach England und steht im April zum ersten Mal auf dem Deck eines Kriegsschiffes : Kapitän John Macbride nimmt Henry als Kajütenjungen an Bord seiner Fregatte ARTOIS. Macbride verdankt sein Kommando über die ARTOIS der Einflußnahme von Gönnern, die wiederum Gefallen an ihre politische Gefolgschaft verteilen. Zu dieser Gefolgschaft gehört Sir John Blackwood.
Die ARTOIS, eine ehemalige französische Fregatte mit 40 Kanonen, die die Briten im Jahr zuvor eroberten, verfügt 1781 über eine Besatzung von rund 250 Mann. Neben Henry sind noch ein halbes Dutzend weiterer Knaben an Bord. Die Aufgabe dieser Kajütenjungen, die nicht mit der eines Schiffsjungen zu verwechseln ist, besteht im wesentlichen in der Bedienung des Kapitäns. Sie säubern die Kajüte, bürsten die Uniformen, putzen Schuhe, warten bei Tisch auf oder versehen Dienste als Meldegänger oder Boten. Im Gegensatz zu Fähnrichen bzw. Offiziersanwärtern erhalten diese Jungen keine systematische seemännische Ausbildung. Sie sollen sich zunächst an einen Dienst auf See gewöhnen und eignen sich dabei eher zufällig Kenntnisse an. Viele der Schiffsoffiziere, die später zu Napoleons Zeiten kommandieren, haben so ihre Laufbahn begonnen.
England befindet sich 1781 im Krieg mit den nordamerikanischen Kolonien, mit Frankreich, Spanien und den Niederlanden. Die ARTOIS gehört zur Nordseeflotte der Briten, die von Vizeadmiral Sir Hyde Parker kommandiert wird. Kapitän Macbride hat zunächst die Aufgabe, die niederländischen Kräfte vor der Insel Texel auszuspähen und zu beobachten. Bei dieser Gelegenheit werden auch die Kajütenjungen zum ersten Mal bis in die Masttopps geschickt: Von diesem höchsten Punkt des Schiffes kann man am weitesten sehen und die Jungen gehören zu den besten Augen an Bord. Rücksicht auf ihr Alter wird vom ersten Tag an nicht genommen.
2. Die erste Seeschlacht
Im Sommer 1781 begleitet
das Geschwader Parkers einen englischen Handelskonvoi aus der Ostsee
auf dem Rückweg nach England. Die ARTOIS segelt in der Vorhut
und Henry Blackwood erlebt seine erste Seeschlacht. Am 5. August 1781 nämlich
trifft dieser Konvoi in der Höhe der sogenannten Dogger-Bank
zufällig auf einen holländischen Konvoi, der von
niederländischen Kriegsschiffen geschützt wird. Die beiden
Flotten geraten aneinander, wobei sich zunächst ausschließlich
die Linienschiffe bzw. größeren Fregatten blutige Duelle
liefern.
Henry kann von Deck der vor dem Konvoi segelnden ARTOIS die Seeschlacht beobachten, die Formierung der Schlachtlinien, die Pulverwolken der ersten Breitseiten und das Fallen von Spieren und Masten, untermalt mit dem rollenden Donnern der Salven. Für den Zehnjährigen bleibt es vorerst beim Blick aus der Ferne, der Schrecken von Tod, Verwundung und Verwüstung bleibt ihm noch erspart, denn die Fregatte ARTOIS greift nicht in den Kampf der Schlachtschiffe ein. Erst als die Schlacht Stunden währt, kommen sich auch die gegnerischen Fregatten nahe und man feuert auf größere Distanz aufeinander, im Falle der ARTOIS freilich, ohne größere Wirkung zu erzielen. Der Schutz der Handelsschiffe hat hier Vorrang, überdies könnte eine Fregatte unter diesen Umständen nichts am Ausgang der Schlacht verändern, die wird von den Schlachtschiffen entschieden.
Die Entscheidung bleibt an diesem Tage aber aus. Die nach Kanonen leicht überlegenen englischen Linienschiffe können sich nicht gegen den zähen Widerstand der Niederländer durchsetzen. Am Ende des Tages trennen sich beide Geschwader, ohne das eine Seite triumphieren kann. Henry Blackwood, zehn Jahre jung, erlebt sein erstes Gefecht als laut, schiffserschütternd und voller Qualm, jedoch unblutig und ohne das sein Schiff auch nur einen Treffer erleidet.
Das ändert sich jedoch Wochen später. Die ARTOIS, auf der Dogger-Bank noch Beobachter des Kampfes, kommt selbst ins Gefecht: Am 3. Dezember 1781 stellt die englische Fregatte vor der Küste Hollands die beiden mit jeweils 24 Kanonen ausgerüsteten niederländischen Schiffe MARS und HERKULES. Die Holländer wehren sich verzweifelt und erleiden große Verluste, aber auch die Briten verlieren Männer. Henry Blackwood sieht zum ersten Mal Kanonenkugeln in den Rumpf seines Schiffes einschlagen, aus dem Wald von Segeln über ihm fällt Takelage auf´s Deck und Kartätschen prasseln gegen das Schanzkleid. Henry hört die Schreie der Verwundeten und während er als Melder durch das Schiff eilt, stirbt neben ihm ein Seemann durch die Splitterwirkung feindlicher Geschosse.
Sechs weitere Briten werden verwundet, doch auf den Holländern verbluten sogar 22 Männer, rund 40 Niederländer werden verwundet. Die Briten erobern die beiden Privateers und erringen neben diesem Sieg auch noch ein ansehnliches Prisengeld. Die eigenartige Atmosphäre nach einer gewonnenen Schlacht macht sich an Bord breit. Da ist die Euphorie, gemischt aus der Erleichterung, davongekommen zu sein mit dem freudigen Erregung des Sieges und der Erwartung der Belohnung in harter Münze durch das Prisengeld. Da ist das Trauma, beschossen zu werden, das Blut und die abgeschossenen Gliedmaßen, zum ersten Mal aus nächster Nähe die schrecklichen Verletzungen zu sehen, die durch hölzerne Splitter hervorgerufen werden, die Trauer um einen Schiffskameraden, aber auch um die gefallenen Seeleute auf der anderen Seite.
1782 gehört die ARTOIS zum Geschwader von Admiral Barrington. Möglicherweise erlebt Henry Blackwood noch die erfolgreiche Zerschlagung eines französischen Konvois in der Biskaya Ende April an Bord der Fregatte mit, doch das Ende des Krieges 1783 findet den inzwischen Zwölfjährigen wieder daheim in Irland. Die Würfel sind jedoch gefallen, denn in den nächsten Jahren fährt Henry Blackwood auf anderen Kriegschiffen zur See. Diese Fahrten werden jedoch weniger kriegerisch, denn bis 1793 herrscht Friede.
3. Die Karriere beginnt
Er ist selten in England, seltener noch in Irland, immer auf See und tut schon lange auch Dienst als Leutnant an Bord der TRUSTY. Aber: Andere werden befördert, Blackwood bleibt nur Anwärter, bleibt damit auch nur Anwärter auf eine Laufbahn auf See. Warum bleibt für den inzwischen 19jährigen Fähnrich in der Navy die Zeit stehen ? Ist es, weil er zu unauffällig ist, in seiner Erscheinung, seinen Leistungen, seiner ganzen Art ? Ist es, weil er zu leidenschaftslos ist, wenig entscheidungsfreudig, nur solide in seiner Seemannschaft ? Oder ist Blackwood gesellschaftlich zu ungeschickt, zu schüchtern, der falsche Mann auf dem falschen Schiff, dem falschen Empfang, dem falschen Kommando, um die richtigen Verbindungen zu knüpfen ?
Und wirklich: Am 3. November 1790 wird aus dem Fähnrich der Leutnant Blackwood, aus dem Anwärter ein Offizier, aus dem Wartestand eine Laufbahn. Und es ist Howe persönlich, der den irischen Fähnrich befördert. Die Begegnung mit dem Admiral, die Beförderung und das zunehmende Alter verändern den frischgebackenen Leutnant, er wird aufgeschlossener, leidenschaftlicher, zielstrebiger.
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SEESCHLACHT.TK - Das Buch
Napoleons gefallene Göttinnen |
4. Der Leutnant
Was
treibt den Leutnant Blackwood Anfang 1792 tatsächlich nach
Paris, hält ihn dort fest und läßt ihn bis zum Herbst
nicht los ? Ist es wirklich die Sprache, für die er den Hals
riskiert ? Ist es eine Liebschaft, für die er sein Leben auf´s
Spiel setzt ? Oder ist es tatsächlich Spionage, wie ein Mob
Pariser Bürger schreit, als man kommt, Blackwood zu verhaften ?
Gut
informiert ist der Engländer immerhin, denn die
Revolutionswachen finden den britischen Leutnant nicht mehr,
Blackwood ist rechtzeitig zur Küste geflohen.
Die
Geschichte findet ihn kurze Zeit später auf der englischen
Fregatte ACTIVE, 32 Kanonen, doch Blackwood ist nun zu begehrt für
das kleine Schiff, die Fregatte wieder nur Zwischenstation und
Transportmittel. Umgehend wird er von Kapitän The Honorable
Thomas Pakenham, dem Kommandanten des Linienschiffes INVINCIBLE
und Kommandant in Lord Howes Flotte, angefordert und zum 1.
Offizier auf dem 74-Kanonen-Schlachtschiff gemacht.
Am 1. Februar 1793 erklärt Frankreich England den Krieg, allerseits nicht unerwartet. Mit einer kurzen Unterbrechung wird dieses Ringen zwischen den beiden Staaten bis 1814 dauern und viele militärische Karrieren begründen und fördern, doch noch mehr werden für immer enden. Blackwood wird diesen Krieg überleben und erst nach seinem Ende wirklich Karriere machen, doch dies kann er natürlich kaum ahnen, als sich im Mai 1794 im Atlantik eine große Seeschlacht zwischen der Flotte Lord Howes und einer französischen Flotte unter Konteradmiral Villaret-Joyeuse anbahnt. Der Franzose eskortiert einen großen Handelskonvoi, lebenswichtig für das revolutionäre, aber auch darbende Frankreich. Der Engländer hat es auf eben diese lukrativen Prisen abgesehen und würde mit der Eroberung dieser Schiffe möglicherweise die Niederlage Frankreichs in diesem Krieg einleiten. Wie einst der englische Konteradmiral Kempenfelt 1782 an fast gleicher Stelle erhofft sich Lord Howe, die Kriegsschiffe von den Handelsschiffen abzuschneiden und die Händler wie Äpfel zu pflücken. Doch Villaret-Joyeuse läßt sich nicht abschneiden, die Engländer müßen kämpfen.
5. Der Glorious First Of June
Zusammen mit der ROYAL GEORGE, 100 Kanonen unter Vizeadmiral Hood, gerät die INVINCIBLE in ein Duell mit den beiden französischen Linienschiffen TYRANNICIDE, 74 Kanonen, und INDOMPTABLE, 80 Kanonen. Das Feuer der beiden englischen Schiffe verheert die Takelage der beiden französischen Linienschiffe gewaltig, so das sie bald darauf steuerlos treiben. Es ist ungefähr zu diesem Zeitpunkt, daß die englische QUEEN in große Probleme kommt und Lord Howe auf seinem Flaggschiff QUEEN CHARLOTTE erkennt, daß die französische Linie insgesamt in inakzeptablen Vorteil kommen wird, wenn die englische Linie den Parallelkurs fortsetzt. Deswegen leitet der britische Admiral ein Durchbruchsmanöver ein und steuert unter großen Verlusten in die Lücken der französischen Linie, um den französischen Schiffen die Luvseite abzugewinnen. Der Durchbruch gelingt zwar, doch die Schäden und Verluste auf den englischen Schiffen sind beträchtlich. Die INVINCIBLE, durch das Gegenfeuer von immerhin drei französischen Linienschiffen ziemlich mitgenommen und für längere Zeit fast unbeweglich, wird von der französischen BRUTUS, einem 50-Kanonen-Schiff, mit glühenden Kugeln beschoßen, die Blackwood ein um´s andere Mal über und unter die Decks treiben, um dort entstehende Brände zu bekämpfen oder das notdürftige Ausbessern der schadhaften Takelage einzuleiten und zu überwachen. Unendlich lange dauert es, bis man außer Schußweite der Franzosen ist.
Auf der INVICIBLE zählt
man am Ende des ersten Tages 10 Tote und 21 Verwundete, das Schiff
hat den Haupttopmast verloren und hat weitere erhebliche Schäden
in der Takelage zu reparieren. Die Decks sind blutverschmiert, da und
dort liegen menschliche Gliedmaßen. Selbst für die wenigen
kampferprobten Leute an Bord des Linienschiffes war das Gefecht
erschütternd. Doch der erste Leutnant der INVINCIBLE hat keine
Zeit, erschüttert zu sein. Blackwood ist die ganze Nacht auf den
Beinen, denn das Schlachtschiff muß vielleicht am nächsten
Morgen wieder kämpfen, die Schlacht ist noch nicht entschieden,
der Tag war kein guter Tag für die englische Flotte.
Kapitän Pakenham und
sein erster Offizier müßen dann am Morgen des 30. Mai
feststellen, daß die gegnerischen Kanonenkugeln den
Hauptuntermast der INVINCIBLE wesentlich schwerer mitgenommen haben
als vermutet, er droht zu brechen. Die INVINCIBLE muß alle
Segel bergen und wird von einer der Fregatten in Schlepp genommen.
Die Besatzung arbeitet nahezu ohne Pause an der Verstärkung des
Untermastes, noch ist der Kampf nicht wieder eröffnet. Lord
Howe behält Sichtkontakt mit der französischen Flotte und
strebt danach, das Gefecht wieder aufzunehmen. Zuvor jedoch muß
seine angeschlagene Flotte ihre Wunden lecken und sich wieder in Form
bringen. Für Blackwood und die anderen jungen Offiziere ist der
Verlauf bis dato zwar keine Enttäuschung die Zeiten der
übermächtigen englischen Marine kommen noch - sie
begreifen aber, daß ihr Admiral vor einer strategischen
Niederlage steht, daß die französische Flotte droht zu
entkommen und damit vor allem auch der Handelskonvoi endgültig
durchgebrochen ist.
Deswegen wird auf allen
englischen Schiffen fieberhaft gearbeitet, um die Schäden zu
beseitigen.
Die günstige Luvposition der englischen Flotte erlaubt es Lord Howe zu bestimmen, wann er die Schlacht fortzusetzen gedenkt. Die Briten müßen lediglich Fühlung mit ihren Feinden halten. Dies gelingt ihnen in den den nächsten zwei Tagen trotz Nebels. Dann gibt der englische Admiral den Befehl zum Angriff.
6. Der letzte Tag der Schlacht
Auch Kapitän Thomas Pakenham und Leutnant Blackwood haben ihre Arbeit abgeschlossen: Tatsächlich kann sich auch die INVICIBLE am Morgen des 1. Juni 1794 als taktische Nr. 11 von 25 Schlachtschiffen in die britische Schlachtordnung einreihen, als diese sich der französischen Flotte von 23 Schiffen nähert.
Die CAESAR, 80 Kanonen, Kapitän Molloy führt die Linie an, direkt vor sich kann Blackwood die BARFLEUR mit ihren ausgerannten 98 Kanonen sehen, auf ihrem Achterdeck stehen Konteradmiral George Bowyer und sein Flaggkapitän Cuthbert Collingwood, der später einmal vor Trafalgar Nelsons Sieg vollenden wird. Hinter der INVINCIBLE segeln das 74-Kanonen-Schachtschiff CULLODEN unter Kapitän Isaac Schomberg und die GIBRALTAR, 80 Kanonen, Kapitän Mackenzie. Und dann kommt schon das Flaggschiff Admiral Lord Howes, die 100 Kanonen starke QUEEN-CHARLOTTE.
Schließlich ,es ist 9:24,
eröffnet die Vorhut der französischen Flotte das Feuer und
die Schlacht beginnt von Neuem. Die INVINCIBLE bleibt in der Linie,
während einige britische Schlachtschiffe bald darauf in die
Linie der Franzosen einbrechen. Blackwood kann jedoch bald von seiner
Position auf dem Achterdeck kaum nach Schiffe sehen. Der Pulverdampf
ist zu dicht, die kommandierenden Offiziere müßen sich auf
die Signalmaate und Ausguckposten verlassen, bekommen von Lee auch
Informationen der dort stehenden Fregatten, die nicht in den Kampf
eingreifen, ihn aber genau beobachten. Die INVINCIBLE bekommt den
Befehl, zu wenden und die Linie wieder hinaufzusegeln. Dabei stößt
sie beinahe mit zwei anderen englischen Linienschiffen zusammen, die
den Befehl viel früher empfangen und befolgt haben. Lord Howes
Befehl, die Linie der Franzosen zu durchbrechen, hat zu einem
gewaltigen Chaos geführt.
Später einmal wird man eine Ordnung rekonstruieren, jetzt aber, um 10:00 am Morgen des 1. Juni 1794 blicken Kapitän Pakenham und sein erster Offizier durch den sich lichtenden Pulverdampf auf Cluster sich bekämpfender Schiffe, Schlachtschiffe, die bewegungsunfähig und allein treiben, auf beiden Seiten Schiffe, die miteinander kollidieren und sich in Duelle verbeissen. Eine Schlachtordnung gibt es tatsächlich gar nicht mehr. Die INVINCIBLE gerät mit der ebenfalls schon beschädigten JUSTE, 80 Kanonen, aneinander. Deren Kapitän Blavet wehrt sich verzweifelt, das Artillerieduell ist mörderisch und fordert noch viele Opfer auf beiden Seiten. Der französische Kapitän will um keinen Preis kapitulieren, obwohl oder weil er tödlich verwundet wird. Doch seine Kanoniere bekommen keinen Nachschub mehr an Munition, weil zuviele gefallen sind, verwundet unter oder an Deck liegen. Es wird aber noch schlimmer für das französische Schiff, denn die QUEEN CHARLOTTE, Lord Howes Flaggschiff, hat sich nun auch die JUSTE zum Ziel auserkoren. Schließlich wird der inzwischen kommandounfähige Kapitän Blavet unter Deck getragen. Wenig später kapituliert das französische Schiff, mast- und wehrlos. Sein Widerstand hat aber Folgen: Alle Masten der INVINCIBLE sind angeschlagen und Kapitän Pakenham weist Blackwood auf das englische Flaggschiff hin. Die QUEEN CHARLOTTE hat ihre Manövrierbarkeit sogar ganz eingebüßt. Pakenham schickt Blackwood zu Lord Howe und läßt fragen, ob der Admiral seine Flagge nicht auf der INVINCIBLE hissen will. Lord Howe empfängt Blackwood, lehnt aber Pakenhams Angebot dankend ab. Den Leutnant Blackwood aber beauftragt er mit der Inbesitznahme des französischen Linienschiffes ; Blackwood ist es offensichtlich gelungen, dem Admiral aufzufallen, was sich aber erst ein Jahr in Gänze zeigen wird.
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Horatio Hornblower, 11 Bände
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Es ist wenig später also Blackwood, der mit einem Enterkommando an Deck der JUSTE springt. Er wird von aufgeregten französischen Matrosen empfangen, die ihm berichten, ihr Kapitän beabsichtige, die JUSTE zu sprengen, um sie nicht in englische Hände fallen zu lassen. Die Aufregung ist allerdings unbegründet, Blackwood sucht zwar Blavet im Lazarett auf, jedoch eher, um ihm die letzte militärische Ehre zu erweisen. Bestenfalls hindert der englische Leutnant den französischen Kommadanten symbolisch an dessen vermeintlichem Vorhaben. Ohnehin wird bei der Besetzung eines feindlichen Schiffes als erstes die Pulverkammer gesichert, Blavet hätte kaum eine Chance gehabt oder sie schon zuvor verwirklichen können. Es wird in den Gazetten nichtsdestotrotz später berichtet werden, daß Blackwood den französischen Kapitän nur knapp daran hindern konnte, die JUSTE in die Luft zu jagen. Dies ist eine willkommene weil zur anschließenden dramatischen Berichterstattung passende Randnotiz und hat Blackwood nicht geschadet.
Der Kapitulation der JUSTE folgen bald weitere französische Schiffe, gegen Mittag des Tages zieht sich sich die französische Flotte dann zurück und muß ein halbes Dutzend zu Hulks geschossene Schlachtschiffe zurücklassen. Für den französischen Admiral ist dies ein geringer Preis für den Durchbruch des großen Handelskonvois, den er schützen mußte. Deswegen betrachtet Konteradmiral Villaret-Joyeuce diesen Ausgang des Gefechts als strategischen Erfolg und in Frankreich schließt man sich dieser Meinung an. Nicht so in England, wo der sogenannte Glorious First of June als glänzender, glorioser Sieg gefeiert wird.
7. Der Kommandant
1795
gehört Commander Henry Blackwood mit seinem Feuerschiff zur
Flotte von Lord Bridport, der Lord Howe abgelöst hat und vor der
französischen Küste operiert. Von einem Feuerschiff wie der
MEGAERA erwartet man, daß es sich zum gegebenen Zeitpunkt als
Brander, eine Art brennendes Torpedo, gegen feindliche Schiffe
wendet, sich opfert und das feindliche Schiff mit ins Verderben
reißt. Die MEGAERA ist aus diesem
Grunde immer mit gut brennbarer Ladung versehen. Feuer ist zu dieser
Zeit nach dem Wasser der Killer Nr. 2 auf den Weltmeeren, denn die
hölzernen Schiffe mit ihrer Leinwand, dem Tauwerk, Teer und Öl
sind eigentlich alle potentielle Brander.
Die MEGAERA jedoch wird nicht brennen, weder zu Blackwoods Zeit vor
der französischen Küste noch später. Blackwood fällt
folglich bei Bridports Operationen vor der Ile de Groix nicht auf,
kann am 23. Juni 1795 den Feuerzauber nur von weitem bewundern, mit
dem die Briten die französischen Linienschiffe
Die Feuergefahr auf
Blackwoods Schiff ist jedoch noch um einiges höher und der junge
Kapitän läßt entsprechend Wachen gehen, eine
Maßnahme, die er später auf andere Schiffe mitnehmen wird
und zu seinem Kommandostil gehört. Es ist eine Ironie des Schicksals, das ausgerechnet eines von Blackwoods späteren Schiffen, die AJAX im Jahre 1807, von einer Feuerkatastrophe heimgesucht werden wird.
Sein erstes Kommando als Kapitän z.S. ist weniger süß denn bitter: Er bekommt zunächst das alte Linienschiff NONSUCH, 64 Kanonen, daß für größere Ausflüge auf See nicht mehr gedacht ist. Die NONSUCH wird vor Hull als Wachschiff und schwimmende Batterie eingesetzt und ist als Kommando wenig anspruchvoll und zeitaufwendig. In diese Zeit fällt die erste Ehe des inzwischen 25jährigen Kapitäns. Die Verbindung ist, wie im Blackwood-Clan üblich, zum Zwecke des Land- und Machtgewinns arrangiert. Die Ehe mit einer Nachbarstochter aus Kindertagen ist jedoch nur von tragisch kurzer Dauer. Blackwood, der zum Zwecke der Eheschließung nach Irland gereist war, ist kaum wieder an Bord der NONSUCH, als ihn auch schon die Nachricht vom Tode seiner Ehefrau erreicht. Der Tod durch Krankheit und Siechtum ist in dieser Zeit omnipräsent, die Blicke der Menschen dieser Tage noch strikt vorwärtsgerichtet, so das der Eindruck der Tragödie von ähnlich kurzer Dauer ist wie die Ehe selbst. Andere Dinge rücken schon bald in den Vordergrund:
Im Juli 1796 kann Blackwood endlich das begehrte Kommando über eine Fregatte ergattern, zunächst zwar nur ein kleines 28-Kanonen-Schiff, aber dafür eines, das aus dem Hafen kommt. Wiederum aber ist Essig im Wein, den das Schicksal dem Witwer einschenkt. Die BRILLIANT gehört zur Nordseeflotte, die von Admiral Duncan kommandiert wird. Die Nordseestation gilt als unergiebiger Fanggrund für Prisenfischer und ist deswegen für den an Prisengeldern armen Blackwood kaum das gelobte Land. Dazu kommt: Die Wahrscheinlichkeit, ins Gefecht zu kommen und die Karriere voranzutreiben, ist in den nordischen Gewässern ebenfalls gering. Und: Admiral Duncan wird von vielen in der Navy als eher träge und wenig unternehmungslustig betrachtet. Diese Einschätzungen wird die Geschichte zwar später auf ihre Art zurechtrücken, jedoch nicht zu Blackwoods Vorteil.
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Who's Who in Nelson's Navy: 200 Naval Heroes: Two Hundred Heroes
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Für Henry Blackwood ist es eine Rückkehr in die Gewässer, in denen er einst seine erste Seeschlacht erlebte. Während andere Fregattenkapitäne ruhmreiche Seegefechte führen, ihre Konten mit Prisengeldern füllen und mächtige Förderer haben, steht Blackwood auf dem Achterdeck einer sturmzerzausten, kleinen Fregatte in der grauen Nordsee und es geschieht absolut nichts. Das Jahr 1797 beginnt in dieser Weise und es wird ein schlechtes Jahr für Henry Blackwood. Während andere Offiziere sich bei Admiral Jervis´ glänzendem Sieg über die spanische Flotte vor Kap St. Vincent im Februar 1797 auszeichnen können, gibt es für Kapitän Blackwood wieder nur die graue Nordsee, stürmisches Wetter und Regen.
Die Ereignisse überschlagen sich erst, als die BRILLIANT mit dem größten Teil von Duncans Flotte zu Reparaturen nach England segelt und auf dem Nore, dem militärischen Ankerplatz auf der Themse, ankommt. Es sind unruhige Zeiten in der zu diesem Zeitpunkt noch weniger populären englischen Navy. Im Mai haben in Spithead friedlich protestierende Seeleute die englische Admiralität zu wenn auch geringen Reformen in der Behandlung des Militärproletariats gezwungen. Viele Seemänner sind jedoch mit den ausgehandelten Bedingungen nicht einverstanden und der Juni 1797 sieht dann auf dem Nore eine weitere, diesmal teilweise gewalttätige Meuterei, die in der Flotte um sich greift. Auch Teile der Crew von der BRILLIANT werden von der Unruhe angesteckt. Auf einer kleinen Fregatte wie der BRILLIANT leben sie zusammengepfercht wie Tiere, das Essen ist unappetitlich, schlecht und oft zu wenig, das Trinkwasser stinkt bereits nach wenigen Tagen auf See und der Dienst ist an Härten kaum zu überbieten. Die meisten Seeleute sterben in diesen Jahren nicht durch feindliche Kugeln, Entermesser oder Pieken, sondern infolge der katastrophalen Lebensumstände an Bord der Kriegsschiffe.
8. Meuterei !
Blackwood sieht sich
mit einer Situation konfrontiert, die infolge dieser Umstände
jeder Kapitän in der Navy aus guten Gründen immer
befürchten muß, gerade auf kleineren Schiffen. Das Novum
gegenüber der schon damals berühmten Meuterei auf der
BOUNTY im Jahre 1789 ist, daß diesmal Seeleute von vielen
Schiffen den Aufstand proben, selbst Schlacht bzw. Linienschiffe sind
betroffen. Blackwood wird von seiner Crew zwar formal im Kommando
belassen, jedoch gezwungen, mit anderen Schiffen in einer Reihe quer
über den Fluß zu ankern, um die Passage zu sperren. Auch
soll er die rote Flagge hissen, zum Zeichen der Rebellion. Dies
verweigert Blackwood, er verbietet es sogar lauthals. Tatsächlich
bleibt die Flagge ungehisst, wird der Kapitän deswegen nicht
gefangen gesetzt oder angegriffen. Auch von der BRILLIANT
werden rund dreissig Männer arrestiert und verschwinden
entweder in den unteren Decks einer Gefangenenhulk oder werden auf
ein anderes Schiff verlegt. Der Funke der Rebellion scheint gelöscht
und Duncans Flotte kann ihre Patrouille in der Nordsee
Der Kapitän der kleinen
Fregatte verdankt diese Behandlung der Unsicherheit der meuternden
Crew, ob ihnen der Rest der Mannschaft bei weitergehenden
Eigenmächtigkeiten noch folgen würde. Die meisten der
Seeleute sind tiefgläubig, was bedeutet, daß sie nicht nur
religiös, sondern auch zutiefst patriotisch sind und das
englische Regierungssystem nicht in Frage stellen. Für Gott,
König, Parlament und Vaterland ist im Mutterland der Magna
Charta und der modernen Demokratie keine leere Formel, sondern
untrennbar miteinander verbunden.
Blackwood ist da keine Ausnahme:
Er betrachtet diese Meuterei als Verstoß gegen alles,
woran er glaubt, so berechtigt er die Klagen der Seeleute auch finden
mag.
Was im ehemals absolutistischen Frankreich zu Revolution und
Flächenbrand wurde, hat auf dem Nore deswegen keine Chance, die
Admiralität bleibt diesmal hart, die Gefolgschaft des Gros der
Seeleute unterbleibt, die Meuterei zerbricht. Nach und nach werden
die Rädelsführer von allen Schiffen einkassiert,
verurteilt, weggesperrt oder exekutiert.
Blackwood ist nicht nur
besorgt um die Integrität seiner Crew, er hat auch noch weit
individuellere Sorgen. Der junge Kommandant vermutet, daß ihn
die Meuterei viel Ansehen bei der Admiralität kostet, weil es
den Meuterern gelungen war, ihren Kapitän zum Ankermanöver
in der Blockadekette über den Fluß zu zwingen. Blackwood
schläft in diesem Jahr jedoch nicht nur aus diesem Grunde
schlecht. Am 11. Oktober 1797 stellt Duncans Flotte die holländische
Flotte unter Admiral De Winter vor Kamperduin, als die Holländer
versuchen, aus Texel auszubrechen. Die Engländer schlagen die
Holländer vernichtend, der zuvor als eher träge betrachtete
Duncan wird zum genialen Strategen stilisiert und mutiert zum Volkshelden, die
Seeschlacht geht als die berühmte Schlacht von Camperdown in die
Geschichte ein.
Blackwood jedoch ist nicht vor Ort. Die durch einen
Sturm angeschlagene BRILLIANT liegt zum Zeitpunkt der Schlacht in Yarmouth.
Die Teilnahme an der Schlacht hätte Blackwood eine größere, schnellere Fregatte, ein attraktiveres Kommando, z.B. in Admiral Jervis Flotte, oder gar den Posten eines Flaggkapitäns auf einem Linienschiff einbringen können, hätte seine Karriere jedenfalls um Jahre beschleunigt. Nun dagegen wird die BRILLIANT auf die nordamerikanische Station verlegt, wo im Jahre 1798 gerade wenig am Laufe der Welt bewegt wird, ähnlich wie noch ein Jahr zuvor in der Nordsee. Es muß sich für Henry Blackwood anfühlen wie eine Degradierung. Doch gerade dieses Kommando soll den englische Fregattenkapitän vor seine bis dahin größte Bewährungsprobe stellen. Die nordamerikanischen Gewässer sind erwartungsgemäß öde, die Abwechslung und die Gefahren liegen im Kurierdienst zwischen den Kontinenten.
9. Zwei französische Fregatten
Blackwood ist dankbar für ein kleines, spanisches Kaperschiff, daß ihm am Abend des 25. Juli 1798 in Höhe der kanarischen Inseln vor den Bug läuft. Zwar hat er kaum eine Chance, das Schiffchen zu fangen, die BRILLIANT ist nicht der beste Segler und durch ihren verkrusteten, muschelbewachsenen Rumpf gehandicapt, aber Blackwood hatte bis dato wenig Gelegenheiten, Jagdfieber zu verspüren. Die ganze Nacht hindurch dauert die Jagd und die BRILLIANT ist tatsächlich viel zu langsam. Sie jagt den schnellen Kaper lediglich bis in die Bucht bzw. den Hafen von Santa Cruz, wo das spanische Schiff am Morgen des 26. Juli einläuft und damit vor dem englischen Kommandanten in Sicherheit ist.
Blackwood dagegen wird von einer Minute zur anderen vom Jäger zur möglichen Beute. Die beiden französischen Fregatten VERTU, 40 Kanonen, and REGENEREE, 36 Kanonen, haben einen sehr langen Weg hinter sich. Aus Holländisch-Indien kommend sind sie auf dem Weg ins Mutterland und haben gerade vor Teneriffa Anker geworfen, als das spanische Kaperschiff signalisiert, daß eine englische Fregatte in die Bucht einlaufe. Die Franzosen kappen die Ankertaue, setzen Segel und Blackwood sieht sich plötzlich zwei übermächtigen Gegnern gegenüber, die die Jagd auf die BRILLIANT eröffnen. Zwar gehören die weitgereisten französischen Schiffe auch nicht mehr zu den schnellsten Seglern auf dem Atlantik, doch Blackwood wird bei Inspektion der Lage klar, daß die Feinde schneller als die BRILLIANT sind.
Im Duell hätte die
BRILLIANT mit ihren 28 Sechs- und Neunpfündern und zu diesem
Zeitpunkt 210 Mann Besatzung nicht einmal gegen eine der beiden
Fregatten eine realistische Chance. Die Franzosen haben mehr Kanonen,
mehr Karronaden, mehr Männer und auch noch ein doppelt so
schweres Kaliber: Die Kanonen in ihrem unteren Deck verschießen
achtzehnpfündige Kugeln oder andere Geschosse von entsprechendem
Gewicht.
Blackwoods Heil kann nur in der wenig ehrenvollen, aber
durch und durch vernünftigen Flucht liegen. Möglicherweise
flucht er innerlich über diese Maßnahme, die dem zuvor
schon glücklosen Kapitän wie das verdorbene Sahnehäubchen
auf dem verbrannten Kuchen erscheinen muß. Doch tut er alles,
um sein Schiff schneller zu machen, wirft Ballast über Bord,
kappt die schweren Anker und wirft sogar die Beiboote ab. Die Kanonen
aber, die sicherlich eine Menge Ballast sind, spart er sich auf.
Nach zwei Stunden Jagd, es geht gegen Mittag, muß Blackwood erkennen, daß trotz der radikalen Schlankheitskur für das Schiff die Gegner weiter aufschließen. So vergreift er sich dann doch an den Kanonen, allerdings nicht so, wie man es erwarten könnte. Die Kriegssegelschiffe dieser Zeit sind nicht dazu gebaut, nach vorne oder nach hinten zu schießen. Zwei hintereinander segelnde Schiffe können sich deswegen damals eigentlich kein echtes Artilleriegefecht liefern, beim Bau der Schiffe hat man auf diesen Fall einfach keine Rücksicht genommen. Aus diesem Grunde nimmt nun Blackwood keine Rücksicht auf den Bau der BRILLIANT: Er läßt zwei Neunpfünder ins Heck ziehen und alles, was im Weg ist und daran hindert, die Mündungen dieser Kanonen auf den Gegner in seinem Rücken zu richten, läßt er einfach wegsägen, wegschneiden, wegschlagen. Auf dem Achterdeck läßt er zusätzlich zwei Sechspfünder so positionieren, daß auch sie den verfolgenden Gegner fassen können. Was am Heckaufbau den Kanonenrohren die Sicht auf die französischen Verfolger verdeckt, wird auch hier aus dem Weg geräumt.
10. Feuer frei !
Es ist 17:00, als
Blackwood die erste Salve aus seiner ungewöhnlichen
Hinter-Breitseite auf die Verfolger abgeben läßt. Es
handelt sich dabei noch mehr um eine Warnung, eine Abschreckung, ja,
sogar eine Art Demonstration, denn noch ist der Gegner nicht ganz in
Schußweite.
Doch die Franzosen lassen sich nicht abschrecken,
reagieren auf Blackwoods Manöver: Während die REGENEREE die
direkte Verfolgung fortsetzt und ihrerseits aus einer ihrer vorderen
Kanonen versucht, den fliehenden Briten mit Schüssen zu fassen,
bringt sich die im Luv zu ihrer Kollegin stehende VERTU immer mehr
auch in Luv zur BRILLIANT, um im entscheidende Moment mit dem Wind
wie ein Raubvogel auf seine Beute herabzustürzen.
Blackwood weiß: Wenn die feindlichen Fregatten ihn in dieser strategischen Situation einholen, hätten sie den Briten in der Zange und vor ihren Breitseiten, Entkommen annähernd ausgeschlossen. Ungefähr um 18:00 erzielt die BRILLIANT mit ihren Achteraus-Salven die ersten Treffer, doch die Franzosen schieben sich unerbittlich heran.
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The Naval History of Great Britain: During the French Revolutionary and Napoleonic Wars
von William James, Andrew Lambert Sprache: Englisch Gebunden - 568 Seiten - Stackpole Books Erscheinungsdatum: März 2003 |
Es ist 19:30, da greift Blackwood
zu einem letzten, verzweifelten Manöver, stürzt sich mit
einer plötzlichen Wendung ohne Vorwarnung auf eine der
Verfolgerinnen, auf die REGENEREE und kann das französische
Schiff, daß ihrerseits auf ein Manöver zur anderen Seite
vorbereitet ist, buchstäblich auf dem falschen Bug überraschen.
Die BRILLIANT kann eine wirkungsvolle Breitseite mit Spezialmunition
für die Takelage auf kurze Distanz anbringen, die den Bugsprit,
Vormast und das Haupttopsegel des Franzosen kurzfristig verheert und
die Fregatte in ihren Manövern lähmt. Die Briten feuern,
was ihre Kanonen hergeben, um noch so viel Schaden wie möglich
auf dem angeschlagenen Gegner anzurichten, aber Blackwood weiß,
daß er seine besten Karten nun aus der Hand gegeben hat und nun
den Preis dafür zahlen muß, der Gegner spielt jetzt seine
Trümpfe aus.
Von der Luvseite kommend stürzt sich nämlich
nun die VERTU auf die BRILLIANT, ihre Kanonen ausgerannt, um mit den
schweren Kalibern ihrer Breitseite die kleine englische Fregatte
kapitulationsreif zu schießen. Die Engländer können
nichts gegen diesen Angriff tun als mit ihren vergleichsweise kleinen
Neunpfündern zurückzuschießen, wissen aber, daß
dies den Angriff der mächtigen 40-Kanonen-Fregatte kaum
aufhalten wird. Auf der BRILLIANT rechnet man nun mit einer ersten
tödlichen Breitseite. Und die erste Breitseite der VERTU rollt
auch schon auf die kleine Fregatte zu, aber als der Pulverdampf vom
Wind davongetragen wird, haben die Briten kaum das Heulen der
feindlichen Kugeln gehört: In ihrer Aufregung haben die noch
kriegsunerfahrenen Franzosen die Entfernung falsch eingeschätzt
und ihre Geschütze entsprechend gerichtet.
Blackwood läßt
sich von seiner freudigen Überraschung nicht lähmen,
ergreift diese einmalige Chance, wendet sich erneut zur Flucht, zeigt
der VERTU das feurige Hinterteil seines Schiffes und hofft mit
zunehmender Entfernung auf weiterhin schlechte Schießresultate
der französischen Kanoniere, insbesondere in Anbetracht
einschlagender britischer Treffer. Denn unerfahrene Seeleute schießen
natürlich noch schlechter, wenn neben ihnen feindliche Geschoße
einschlagen.
Und wirklich : Auch die zweite französische
Breitseite bohrt sich in die Wellen oder heult über die
englischen Masten hinweg. So groß die Erleichterung der Briten
auch ist, auch im Hinblick auf die langen französischen
Nachladezeiten, die wieder in die Verfolgung eingreifende REGENEREE
erinnert den englischen Kapitän daran, daß seine Fregatte
trotz ihres kühnen Befreiungsschlages noch nicht außer
Gefahr ist.
Noch weitere 2 Stunden fliegen Kanonenkugeln an der BRILLIANT vorbei und jetzt, da die zweite Fregatte in die Kanonade eingegriffen hat, kracht dann und wann tatsächlich auch eine Kugel in das englische Holz, durchschlägt oder zerfetzt ein Segel. Die Dunkelheit und eine exklusive Brise für die Briten lassen dann aber gegen Mitternacht die Verfolger visuell verschwinden und Blackwood wechselt sofort den Kurs, um kein Risiko einzugehen. Wenige Minuten später helfen die als Jäger offensichtlich noch unerfahrenen Franzosen ihm durch Raketen- und Lichtsignale, sich vollends der Gefahr zu entziehen, da er anhand dieser Peilung erneut seinen Kurs korrigieren kann. Die BRILLIANT ist gerettet und hat im Kampf mit zwei großen Fregatten lediglich eine beschädigte Stenge, dafür aber keinerlei Verluste an Menschen zu beklagen.
11. Kapitän Blackwood
Auch sein Kollege Kapitän Robert Middleton von der FLORA, 36
Kanonen, auf die die BRILLIANT am 3. August vor Teneriffa trifft,
zeigt offene Bewunderung für Blackwoods Maßnahmen, als
dieser dem dienstälteren Offizier seinen Bericht vorlegt.
Middleton, der vor Madeira stationiert ist und den Auftrag hat, in
Santa Cruz einen Gefangenenaustausch durchzuführen, bringt durch
seine Austauschverhandlungen mit Verantwortlichen auf Teneriffa in
Erfahrung, mit wem die BRILLLIANT da gekämpft hat und das die
Breitseiten der kleinen englischen Fregatte die beiden französischen
Schiffe hart getroffen haben. Die Beschädigungen und Verluste
auf der VERTU und REGENEREE sind beträchtlich. Middleton
registriert die Berichte voller Hochachtung für seinen jüngeren
Kollegen und bringt dabei den mißtrauischen Blackwood in
Verlegenheit, denn der weiß nicht, wie er mit diesen
ungewohnten Laudatios umgehen soll. Auch Middleton mißdeutet
die Reaktion seines jungen Kollegen, nämlich als Bescheidenheit,
was sein Lob noch ausgeprägter ausfallen läßt.
Sein Bericht wird in der englischen Admiralität und von den Marineoffizieren aufmerksam gelesen und gehört, selbst ein gewisser Cuthbert Collingwood erinnert sich, das ein gewisser Leutnant John Blackwood am 1. Juni 1794 von der INVINCIBLE aus auf das Achterdeck der BARFLEUR grüßte.
Das erfolgreiche Gefecht mit zwei großen französischen Fregatten im Juli 1798 ist Blackwoods größte Tat seiner bisherigen Karriere und bleibt tatsächlich auch hinsichtlich einer positiven Veränderung seiner Laufbahn nicht unbeachtet. Für Blackwood öffnet dieses Aufsehen die Tür zu einem neuen Kommando und zur Bekanntschaft von Männern, die ungefähr zur gleichen Zeit, als Blackwood vor Teneriffa tatsächlich zum Kapitän wird, europäische Geschichte vor der Küste Ägyptens schreiben.
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